Ein anderes Malaysia

Bisher habe ich größtenteils nur KL und Georgetown richtig erleben können. Auch wenn das ständig pulsierende Leben in der Stadt einen gar nicht so sehr daran erinnert, dass man weit weg von der Heimat ist, so gibt es auch ein Leben außerhalb von den Großstädten. Für das hinduistische Fest Deepavali hatte ich dann die Möglichkeit einen weiteren Teil von Malaysia kennen zu lernen. Am Sonntag ging es für uns Freiwillige nach Ipoh, was circa auf halber Strecke zwischen der Hauptstadt und meinem Domizil liegt. Dort angekommen erwartete uns erst einmal nichts. Vollkommen allein (zu neunt) standen wir vor dem verabredeten Ort und warteten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erschien dann aber ein Verantwortlicher, der alles koordinieren sollte. Nach einer kleinen Mahlzeit erlebten wir eine kleine Überraschung. Mittlerweile hatten sich ach noch andere Austauschschüler und eben auch Freiwillige aus anderen Regionen eingefunden. So gab es ein unverhofftes Wiedersehen, was allen sichtlich gefallen hat. Nun wurde es aber ernst. Die Verteilung der Gastfamilien stand an. Die Atmosphäre dabei erinnerte mich an eine Art Sklavenmarkt. Es wurden die Namen der Gastfamilie gerufen und danach der auserwählte Freiwillige oder Schüler. Nach und nach verließen die Familien mit ihren neuen Schützlingen die Zusammenkunft. Und ich? Mein Name ertönte ohne eine Familie. Etwas verunsichert trat ich also nach vorne und wurde nach einigem Beraten einer Gastfamilie zugeteilt, die schon eine deutsche Freiwillige hatte. Sehr beruhigend. Zumindest für mich. Meine Gastgeber schienen anfangs nicht sehr begeistert. So verließen wir also Ipoh und fuhren etwa 50 Kilometer landeinwärts. Fernab von der nächsten Stadt erreichten wir unsere Unterkunft für die kommenden vier Tage. Nach Frankreich und England ist dies meine dritte Gastfamilie, doch was erwartete mich? Essen auf dem Boden mit den Händen, ein Bett teilen oder auf dem Boden schlafen und eine Toilette ohne Klopapier. Anders? Ja! Schlimm? Nein! Die kommenden Tage sollten Veränderung bringen und ich war gerne bereit mich darauf einzulassen.

Nach einer recht kurzen Nacht begann unser Montag mit den Vorbereitungen für Deepavali am Mittwoch. Konkret heißt das putzen. Bevor manche einen falschen Eindruck gewinnen könnten. Wir wurden gefragt, ob wir helfen möchten oder nicht. Es stellte sich jedoch als richtige Entscheidung heraus mitzuhelfen, denn die Art und Weise das Haus zu putzen unterscheidet sich etwas von denen mir bis dahin bekannten Arten. Mit einem Eimer voller Wasser wurden die Wände von Ruß und Schmutz gereinigt. Da die Einrichtung des Hauses eher minimalistisch geprägt war, konnte der Wasserschwall ungehindert auf die Wand klatschen und den Boden einen guten Zentimeter mit Wasser bedecken. Nach dem feucht fröhlichem Vergnügen fuhren wir Nachmittags in die nächste Stadt und machten Besorgungen für Mittwoch. Den Abend verbrachten wir damit das Haus wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Auch der nächste Tag war von Vorbereitungen geprägt. Nach einem späten Frühstück wurde allerlei gebacken und gekocht und wir mittendrin. Während Pauline unserer Gastschwester beim Backen half, war ich beim Fleischschneiden aktiv. So beschäftigt arbeiteten wir in den Nachmittag hinein, bis die ersten Verwandten ankamen. Der Stammbaum meiner Gastfamilie, der bis dahin relativ eingängig war begann langsam mehr Äste zu bekommen. Das war auch dem Besuch weiterer Familienmitglieder geschuldet, den wir nachmittags vornnahmen. Am Abend spendeten wir einem Altersheim das Abendessen und es war interessant zu sehen, wie es ist auf der anderen Seite einer function zu sein. Das weitere Abendprogramm bestand darin eine Rangoli zu erschaffen. Unsere Premiere erwies sich schwerer als es aussah. Trotzdem waren wir am Ende mit unserem Ergebnis sehr zufrieden. Gerade rechtzeitig wurden wir fertig mit dem Reiskunstwerk, denn der Mittwoch und somit Deepavali hatte bgonnen. Deepavali oder auch Diwali heißt übersetzt soviel wie „Fest der Lichter“. Das bekamen wir auch zu sehen. Ähnlich wie bei unserem Silvester wurden Raketen und Knallkörper hervorgeholt und gezündet. Allerding sin unsere „Böller“ aus Deutschland ein Witz. Die Lautstärke der Detonation um einiges lauter und man hatte oft das Gefühl, es explodiert gerade eine echte Bombe. Lautstark und farbenfroh begrüßten wir das Fest und feierten bis halb zwei mit dem ein oder anderen Bier (1% Vol.).

Noch mehr oder weniger im Tiefschlaf wurden wir dann um 6:30 Uhr geweckt. Noch mit Sandkörnchen vom Sandmann in den Augen wurde uns erklärt, dass nun das trationelle Ölbad ansteht. Die Augen von Schmutz zu reinigen macht da durchaus Sinn, denn eig kommt nur Öl in die geöffneten Augen und auf den Kopf. Es gibt durchaus schmerzlosere Dinge die ich morgens bevorzuge. Trotzem wagten wir uns tapfer zu der Großmutter (Nanama), die uns die goldgelbe Flüssigkeit einmassierte. Mit unklarem Blick und ein paar Schmerzen freuten wir uns, dass wir das traditionelle Ritual besser meisterten als so mancher Routinier. Nach einer befreienden Dusche hüllten wir uns in traditionelle Kleidung und machten uns auf Richtung Tempel. Während unsere Gastfamilie betete genossen wir die spirituelle Atmosphäre. Der Rest des Tages lief ählich wie bei unseren Weihnachtsfeiertagen statt. Es wurden Verwandete besucht und man lernte viele neue Menschen kennen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verlor ich den Überblick der familiären Verhältnisse. Zum Glück hatte unsere Gastschwester die Rolle übernommen, den Verwandten unsere Situation auf Telugu nahe zu bringen. Zurück zu Hause ruhten wir uns erstmal aus, bevor wir abends Richtung Kino aufbrachen. Der Lieblingsschauspieler unserer Gastfamilie spielte in einem neuen Tamil-Film mit, der an diesem Tag Premiere feierte. Nach knapp drei Stunden war mein erster Film in Tamil mit englischen Untertiteln vorbei. Die Sorge der ganzen Verwandschaft, dass uns der Film nicht gefallen könnte war unberechtigt. Pauline und mir gefiel „Mersal“ sehr gut. Wer also Lust hat sich einmal keinen amerikanischen Blockbuster zu sehen könnte auch diesen Film ansehen.

So schnell war er dann auf einmal da: unser letzter Tag am Rande eines Palmenrandes. Spektakuläre Dinge passierten nicht mehr wirklich, aber die Flut an Eindrücken musste auch so schon verarbeitet werden. Doch die Zeit des Abschieds kam trotzdem sehr schnell. Doch keiner von uns wollte wirklich dass wir gehen, weser wir noch unsere neue Familie. Nach vielen Umarmungen und warmen Worten stiegen wir dann doch ins Auto um unseren Bus zu bekommen. Auf dem Rückweg erzählte unsere Gastschwester uns, dass eigentlich nur ein Freiwilliger zu ihnen kommen sollte. Nun waren sie aber so froh uns beide gehabt zu haben, dass wir am besten noch länger hätten bleiben sollen. Doch alles halfs nichts und so saßen wir nachmittags im Fernbus nach Penang. Dort angekommen führte der Weg zurück ins Home. Dort begann dann etwas was man wohl als Gefühlschaos bezeichnet. Auf der einen Seite war ich glücklich und sehr dankbar für diese einzigartige Erfahrung. Auf der anderen Seite fing jetzt ich schon an diese Zeit zu vermissen. Es soll jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass ich mich nicht gefreut hätte wieder in meinem Home zu sein und dort strahlende Gesichter zu sehen. Doch irgendwie blieb die besondere Atmosphäre in meinem Kopf und kam nur sehr langsam zur Ruhe.

Das war ein sehr langer Beitrag und ich hoffe, dass die Lust am Lesen nicht vergangen ist. Sollte dies aber der Fall sein, kann ich mich gerne kürzer fassen oder die Ereignisse mehr aufsplitten. Ich freue mich gerne über Meinungen!

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

2 Kommentare

  1. Tanja 21. Oktober 2017

    Also ich finde es überhaupt nicht zu lang!

  2. Karin 22. Oktober 2017

    Der Beitrag ist in keinster Weise zu lang. Hier in Europa kann man sich einen Hindu- Haushalt nicht vorstellen und schon gar nicht so ein traditionelles Fest. Es war sicherlich ein unvergessliches Erlebnis.

© 2020 Nils Blog

Thema von Anders Norén