Chinese New Year

Gut eineinhalb Monate nach Silvester, dürften wohl der Großteil der Neujahrsvorsätze wieder in Vergessenheit geraten sein. Doch warum nicht einfach neue machen oder die alten wieder aufnehmen? Zumindest hier wäre Chinese New Year (CNY) eine gute Ausrede. In Penang, wo der Großteil der Bevölkerung chinesisch ist, wird dieses Fest ausgiebig gefeiert. Das wird schon an der Tatsche deutlich, dass bereits einen Monat zuvor Straßen und Häuser geschmückt werden. Traditionelle rote Lampions werden dabei nach und nach von bunt blinkenden LED-Lichterketten abgelöst und diese vermitteln eher wieder den Eindruck von Kitsch anstatt Moderne. Doch ehrlich gesagt musste ich nicht erst auf die Dekoration warten um auf CNY aufmerksam zu werden. Schon bei meiner Ankunft im Juli wurde mir von den Feiertagen berichtet. Selten erlebe ich meine Bewohner so beharrlich, wie bei diesem Thema. Dazu später aber mehr.

Am Abend vor CNY (also chinesisches Silvester?) trafen wir Freiwillige uns um an einer buddhistischen Zeremonie in einem Tempel teilzunehmen. Da ich aber nicht des Hokkien oder Mandarin mächtig bin, kann ich nicht beurteilen, ob tatsächlich etwas über den Jahreswechsel gebetet wurde oder nicht. Im Anschluss umrundeten jedoch noch die Tempelanlage mit Kerzen. Jeder stellte nach drei Runden sein Licht zu dem passenden chinesischen Tierkreiszeichen. Ich war überrascht, dass fast jeder aus unserer Gruppe sein Tierkreiszeichen kannte und wir so nicht fragen mussten, sondern zielstrebig den jeweils passenden Schrein ansteuerten. Statt den uns meist bekannteren Sternzeichen, die monatlich wechseln, gibt es im chinesischen Horoskop die Tierkreiszeichen, welche für ein ganzes Jahr gelten. Unzählige Seiten im Internet geben Aufschluss welches Geburtsjahr zu welchem Tier gehört, sodass man auch dort nachsehen kann wenn man sein persönliches Tier wissen möchte. Seit gestern ist nun das Jahr des Hundes angebrochen. Ähnlich zu den Jahreshoroskopen, die man in Deutschland in den Zeitungen findet, gibt es auch hier Vorhersagungen für Hunde für das kommende Jahr. Darauf möchte ich jedoch weniger eingehen.

Wie schon gesagt ist CNY eins der größeren, wenn nicht sogar das größte Fest, in Penang. Zahlreiche Touristen aus Malaysia, Singapur oder auch China kommen, um die Feierlichkeiten mitzuerleben. Im Vordergrund steht die Zusammenkunft der Familie. Auch gewisse Rituale und Redensarten werden praktiziert, um ein möglichst gutes Jahr zu haben. Doch dank Globalisierung finden auch immer mehr westliche Unternehmen Eintritt in die ganze eigene Welt von CNY. McDonald’s bietet beispielsweise passend zum Neujahr eine Prosperity-Burger an, aber auch Ferrero’s Rocher ist ein Verkaufsschlager. Die runden goldenen Kugeln passen in ihrer Form und Farbe perfekt in die Vorstellung von Glück. Auch unzählige Mandarinen finden den Weg ins PCH. Jedoch sollte beim Verzehr Vorsicht geboten werden, denn zu viel davon ist auch nicht gesund.

Ein andere Art von Glück wird in kleinen roten Umschlägen transportiert. Die Ang-Paus sind mit kleinen Geldbeträgen bestückt und dienen als Geschenk für die Familie. Doch nicht nur Familienmitglieder empfangen Ang-Paus. Es ist auch üblich Bedürftigen die Umschläge als eine Art Spende/Geschenk zu geben und manchmal auch denen, die sich um sie kümmern. So sind in den ersten Tagen von CNY schon knapp 150 Ang-Paus in meinen Besitz gewandert und haben meine Liquidität wohl deutlich erhöht. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht muss man wohl sagen, dass der Cashflow zu dieser Zeit besonders hoch ist und ich mir für die nächste Zeit kein Geld abheben muss. Der Grund dafür liegt eben bei den unzähligen Spenden, die das Home empfängt. Deswegen wurde mir auch von Anfang an der Ratschlag gegeben, nicht das Projekt während meiner freien Tage zu verlassen. Die Sorge der Bewohner man könnte einen roten Umschlag nicht erhalten ist recht groß. Dies passiert manchmal tatsächlich, da ich nicht als Mitarbeiter erkannt werde und so es zu einer eher unangenehmen Situation kommt. Die Bewohner machen die Spender darauf aufmerksam und schlussendlich wandert doch meist ein roter Umschlag in meine Hände, aber die Situation bleibt komisch. Meine Hauptbeschäftigung über die letzen Tage herumzusitzen war, auf Fremde zu warten und dann das Ang-Pau entgegen zu nehmen. Dabei fühlt es sich, trotz der immer gleichen Situation, komisch an Geld von anderen einfach so anzunehmen. Doch auch hier habe ich eine neue Facette meiner Arbeit kennengelernt. Da nicht alle Bewohner ihr Geld selbst verwalten wollen/können werden die roten Umschläge von mir eingesammelt, mit Namen versehen und dann in eine Tasche gepackt. Besonders um die Mittagszeit ist diese Beschäftigung fordernd, denn es ist eine Art Fließbandarbeit, die nicht endet. Auch wenn das Stress ist und eher weniger meinem normalen Arbeitsalltag entspricht finde ich es sehr gut. Da meine Vorgesetzten nicht immer präsent sind, wird mir somit eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen. Dieses Vertrauen ehrt mich auch sehr. Doch so schön eine Arbeit im Home auch sein mag, wenn man nur sitzt und auf Ang-Pau wartet kann sich Zeit auch sehr lange anfühlen. So freut es mich auch, wenn wir zu einer der Open-House-Veranstaltungen gehen. Zum einen sieht man dort zu solch Festen auch den Ministerpräsidenten und den Gouverneur von Penang. Zum anderen wird auch hier immer mehr meine Verantwortung erwartet. Aus dem Jungen für Alles ist ein Junge für Alles mit etwas Verantwortung geworden. Zum Abend hin werden dann, passend zu CNY, Feuerwerke gezündet, die mal größer und mal kleiner sind. Wir Freiwilligen feierten zusammen mit einer chinesischen Familie den Neujahrsabend und besuchten am anderen Abend den Kek Lok Si Tempel, der zu dieser Zeit hell erleuchtet ist. Zwar ist auch hier die Disparität zwischen bunten LED-Lichterketten und traditionellen Lampions zu sehen, doch das ist wohl einfach der Lauf der Zeit. Die Stromrechnung will wahrscheinlich trotzdem niemand übernehmen. Vielleicht wäre das ja ein guter Neujahrsvorsatz für die Locals.

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