Globalisierung

Fast genau vor einem Jahr war wohl der Höhepunkt meiner Schullaufbahn. Das Abitur. Wahrscheinlich war ich zu dieser Zeit schlauer als je zuvor (und vielleicht auch danach). Doch manchmal braucht es mehr als Schulbücher um Dinge zu begreifen. So geht es mir mit dem Thema Globalisierung. In der 12. Klasse war dieses abiturrelevante Thema in Englisch ein Begleiter für viele Schulstunden. Wir lasen Texte über Konsumverhalten, Markeneffekte und Kultur. Mit der Globalisierung ändert sich die Welt. Das war mir damals schon klar. Auch war der Begriff kein Fremdwort für mich und doch habe ich die Ausmaße unterschätzt. Was Globalisierung wirklich bedeutet wurde mir erst in Malaysia klar.

Da ich vor meinem Freiwilligenjahr noch nie außerhalb Europas war (von Türkei Urlauben abgesehen) war ich gespannt was mich 9.500 Kilometer von meiner Heimat erwartet. Nun nach acht Monaten in Penang kann ich sagen, die Globalisierung ist auf jeden Fall spürbar. Doch vielleicht sollte ich nochmal näher auf den Begriff eingehen bevor ich Beispiele liefere, die mir aufgefallen sind. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt folgendes auf ihrer Website: Globalisierung ist die „Bezeichnung für die zunehmende Entstehung weltweiter Märkte für Waren, Kapital und Dienstleistungen sowie die damit verbundene internationale Verflechtung der Volkswirtschaften.“ Alles verstanden? Falls nicht versuche ich es nochmal einfacher auszudrücken. Globalisierung bedeutet, dass die Welt in Themen wie Konsum, Standards oder Kultur zusammenrückt. So weit so gut, aber wie äußert sich das? Ich möchte erst auf mein Gastland eingehen und dann aber auch den Blick in mein Heimatland werfen.

Als wir in den ersten Tagen in KL waren, hatten wir Zeit auch mal in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Das war wohl bis dahin eines der interessantesten Erlebnisse. Statt Ariel Waschmittel gibt es dynamo. Auch sonst findet man Produkte, wie sie auch in Deutschland stehen könnten: Nutella, Mentos oder Haribo. Freiwillige hatten uns schon berichtet, dass solche Süßigkeiten aus Deutschland keine passenden Souvenirs für unsere Gastfamilien sind und spätestens in diesem Supermarkt wurde klar warum. Unweigerlich begibt man sich auf die Suche nach Produkten, die es in Deutschland auch gibt oder man googelt aus welchem Land eigentlich ein bestimmtes Produkt kommt. Doch der Supermarkt ist nicht das einzige Beispiel, an dem man sieht wie Globalisierung das Leben verändert.

Kleidung. Auch wenn Malaysia ein hauptsächlich muslimisches Land ist sieht man doch Parallelen zu der „westlichen“ Kleidung. Klar sind Kopftücher und Burkas hier häufiger anzutreffen als in Deutschland, doch der Rest der Kleidung könnte auch in Deutschland getragen werden. T-Shirt und Jeans sind auch hier eine Normalität und höchstens die Tatsache, dass beides bei muslimischen Menschen meist knöchellang ist lässt erahnen, dass man sich nicht in Deutschland befindet. Einzig zu besonderen Festen und Anlässen sieht man Menschen, egal welcher Ethnie, mit traditioneller Kleidung.

Sprache. In Malaysia werden hauptsächlich drei Sprachen gesprochen: Bahasa Melayu, Tamil und Chinesisch in unterschiedlichen Dialekten. Doch die wohl meistverbreitete Zweitsprache ist Englisch. Das bedeutet man kann sich mit unglaublich vielen Menschen unterhalten, da für sie Englisch nicht fremd ist. Wenn man Gesprächen von Einheimischen zuhört fällt einem auch auf, dass sich auch in die jeweils gesprochene Sprache Anglizismen eingemischt haben und man manchmal sogar etwas verzweifelt angeschaut wird, wenn man nach dem Wort in der Landessprache fragt. Ein Beispiel wie man alle Sprachen unter einen Hut bekommen kann zeigt Singapur. Sehr häufig findet man Angaben in vier Sprachen und auch Haltestellen werden viersprachig angesagt. Vielleicht ist diese Allgegenwärtigkeit von Englisch auch ein Grund, weshalb mein Bahasa Melayu gerade einmal dafür ausreicht Essen zu bestellen oder einen kleinen Smalltalk zu führen.

Essen. Dass Mc Donald’s überall auf der Welt zu finden ist war mir schon bewusst, doch sehr häufig liest man etwas von ‚western food‘. Würstchen im Supermarkt sind in Labels mit malaiischer Sprache gepackt und doch ist die Bezeichnung der Würste „Frankfurter“. Egal ob Spaghetti, Schnitzel oder Burger, wer das lokale Essen nicht mag verhungert hier nicht. Sehr beliebt bei den Getränken ist Milo oder Nescafe, welches beides vom Lebensmittelkonzern Nestlé stammt.

Medien. Facebook gehört hier wahrscheinlich neben WeChat zu der beliebtesten App auf dem eigenen Smartphone. Die (meist unwichtige) Informationsflut in den sozialen Netzwerken gehört hier zum Alltag und wird bei jeder Gelegenheit gecheckt. So finde ich manchmal Bilder von mir, von denen ich entweder noch nicht mal wusste, dass sie entstanden sind oder die ohne Absprache in das Netzwerk mit dem blauen Hintergrund gestellt wurden. Wer Fußball liebt wird hier auch ganz sicher einen gutes Land erwischt haben. Neben der englischen Premier League findet man auch komplett übertragene Bundesliga Spiele und zusätzlich Berichte oder Reportagen, die in diesem Umfang wahrscheinlich noch nicht mal in Deutschland laufen. Auch Musik ist von Globalisierung betroffen. Eigentlich war ich froh gewesen Despacito zu entfliehen, doch auch in hier war der Sommerhit von letztem Jahr zu hören. Was jedoch auffällt ist die Tatsache, dass offensichtlich ältere Lieder gespielt werden, von denen ich zuvor noch nie gehört habe, hier aber Standard sind. Die größte Überraschung für mich war jedoch als ich auf einmal Modern Talking gehört habe. Meistens weise ich, immer ein klein wenig stolz, auf deutsche Dinge hin, aber dieses Mal nicht.

So langsam sollte klar sein, wie sich Globalisierung äußert und das tut sie nicht nur in Malaysia. Nein auch Deutschland. Egal ob Superbowl oder Oscars, Chainsmokers oder Justin Biber, Coca Cola oder Pepsi. All diese Dinge findet man in Deutschland und sind Teil der Globalisierung. Die Hauptakteure dieses Prozesses sind die global player, Unternehmen, die multinational sind. Das diese aber nicht nur positive Dinge mit ihrer Verantwortung tun sieht man am Beispiel von Nestlé. Wer Lust hat sich mal über den Lebensmittelkonzern zu informieren, wird recht schnell merken was ich meine.

Es mag nun vielleicht so klingen, als sei ich gegen die Globalisierung, aber tatsächlich bin ich in meiner Situation wohl ein sehr großer Profiteur. Ansonsten könnte man meinen Blog nicht lesen oder keine Bilder von mir sehen. Ich denke jedem ist klar, dass Globalisierung zum Teil natürlich ist und auch viele positiven Seiten hat. Doch durch Globalisierung geht auch ein Stück Tradition, Individualität und Kultur verloren. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es in Georgetown nicht viel anders ist wie in anderen Teilen der Welt. Klar ist eine Stadt mit über 100.000 Einwohner eher kosmopolitisch und man merkt in Ballungsräumen deutlich schneller die Globalisierung, als auf dem Land, aber doch ist sie da und verdrängt so langsam und leicht auch den Lebensstil der Menschen. Neues ist ebenso wichtig wie Tradition, jedoch sollte man beides nicht aus den Augen verlieren, denn sonst haben wir irgendwann, überspitzt gesagt, eine vollkommen unterschiedslose Welt.

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