Veränderungen

Als ich vor über acht Monaten mein Heimatland verließ war mir klar, dass ich mein Freiwilligenjahr anders beenden würde als ich es begonnen habe. Das war ja auch Teil der Intension hinter der Entscheidung 11 Monate in eine vollkommen neue Umgebung sich zu begeben. Man soll ja nicht immer nach dem äußeren gehen, aber hier lässt sich schon die erste kleine Entwicklung erkennen.  Sehr frequent kommt das Thema Gewicht, bei den Zusammentreffen mit den anderen Freiwilligen, auf. Ich hab ehrlich gesagt kein Problem damit etwas, dass ich nun wahrscheinlich etwas mehr wiege als vorher (Ich hab mich vor meiner Ausreise nicht auf die Waage gestellt und habe so keinen Vergleichswert). Ganz anders sieht das bei manch anderen Freiwilligen aus. Auch meine Hautfarbe ist dank (fast) immer scheinender Sonne in ein natürliches Braun übergegangen. Während die Devise für die meisten (vornehmlich aber Chinesen) ist, so wenig Sonne wie möglich abzubekommen stehe ich als das Gegenteil dafür. Doch egal wo man hinschaut, ob weißes Puder oder Shampoo mit „whitening-effect“, das Schönheitsideal ist hier anders als in Deutschland.

Viel größer sind jedoch die Veränderungen in meinem Kopf. Jede Woche versuche ich einen Einblick in meine Gedanken zu geben, die mir durch den Kopf geistern. Manchmal gelingt das besser; manchmal schlechter.

Um einen Unterschied zu sehen muss man wohl erstmal einen Vergleichspunkt ziehen, denn der Junge Ende Juli 2017 Deutschland den Rücken kehrte ist nicht mehr in allen Aspekten der Gleiche, wie derjenige der im Juni zurückkehrt. Was das genau heißt? So ganz bin ich mir da selbst noch nicht sicher, da ich wahrscheinlich vieles erst nach meiner Ankunft bemerken werde, aber es gibt auch jetzt schon einige Dinge in denen ich mich verändert habe. Raus aus der Komfortzone! Das war mein Motto als ich gegangen bin und ja das ist hier anders. In Malaysia musste ich mich mit Dingen beschäftigen, die vorher meine Eltern oder andere Menschen für mich übernommen haben. So ist die Selbstständigkeit in gewissen Aspekten auf jeden Fall gestiegen und ich trage mehr Verantwortung für mich und andere. Trotzdem habe ich auch hier den Stellenwert, den Familie und Freunde in meinem Leben einnehmen neu entdeckt. Ich habe hier auch Freunde gefunden und bin dank der Organisation von AFS nie wirklich alleine, zumindest wenn ich mich nicht bewusst dafür entscheide. Es ist wirklich schön wie offen die Menschen hier zu einem sind und wie leicht es mir fiel Kontakt zu meinen Bewohnern aufzubauen.  Wenn ich dann sehe, wie ich mit kleinen Scherzen oder einem einfachen Lächeln die Laune der Menschen aufhellen kann fühle ich mich auch besser. Einzigartig wird jedoch immer die eigene Familie bleiben. Auch wenn ich hier mit Freiwilligen und Einheimischen über den Familien- und Freundeskreis gesprochen habe und an Deepavali selbst ein Teil einer fremden Familie sein durfte. Ganz ersetzen kann man das nicht. Manchmal ist aber Freundschaft auch ein Hindernis. Da ich mich meinen Bewohnern gut verstehe habe ich eigentlich immer sehr viel Spaß und kann in einem guten Arbeitsklima meinen Alltag bewältigen. Doch wenn es dann zu Autoritätsfragen kommt und ich meinen Bewohnern empfehle Übungen für ihren Körper zu machen kommt es dann zu Unverständnis. Mein Anspruch ist es aber auch dort Veränderung zu bewirken. Manche nehmen diese dankend an und ich sehe ein Weiterentwicklung, aber bei einigen Bewohnern stagniert die Entwicklung der Fähigkeiten auch. So kann man auch als euphorischer Freiwilliger ganz leicht in den gediegenen Trott fallen. Die Veränderung in meinem Projekt ist auch nicht immer einfach, denn manchmal treffen moderne Vorschläge auf alte Denkweisen und schlussendlich findet keine Verbesserung statt. Dabei geht es auch um eine Art Generationenkonflikt, der in einem Land, in dem Hierarchie eine große Rolle spielt, nicht einfach zu bewältigen ist. Es geht hier nicht immer um große Gedankenanstöße. Oft werden auch kleine Verbesserungen kritisch hinterfragt und mit etwas Glück umgesetzt. Glücklicherweise betrifft diese Haltung nicht die Projekte, die ich derzeit umsetze und so hoffe ich auch noch in den letzten 75 Tagen keine Probleme haben werde.

Werfen wir aber mal einen allgemeineren Blick auf Malaysia. Ich verbringe mein Jahr in einem Land des globalen Südens. Dieser Begriff soll ein wertfreier Begriff für Länder sein, die heute immer noch meist Entwicklungs- und Schwellenländer genannt werden. In Malaysia sehe ich auch eine ganz klare Entwicklung in der Gesellschaft. Während einige Menschen noch in Wellblechhütten leben und von Tag zu Tag leben, gibt es hier ebenso Reiche, die den Fahrstuhl und den Swimmingpool in ihrem eigenen Haus als selbstverständlich betrachten. Ich habe beides gesehen und erlebt. Ehrlich gesagt habe ich mich in keiner der beiden Extremen wiedergefunden, aber es zeigt wie weit sich auch Gesellschaftsschichten auseinander bewegen können.

Doch ist Entwicklung und Veränderung nun so schlecht? Für mich keinesfalls. Das Zitat „Das Leben ist ein Fluss, und alles ändert sich.“ hat vielleicht der ein oder andere schon einmal gehört. Gerade bei Zeitrafferaufnahmen sieht man das ganz deutlich. Wandel ist ein natürlicher Vorgang und es ist wichtig, dass wir nicht den Status quo behalten sondern uns immer weiter entwickeln und nie aufhören zu lernen. Es ist nicht immer einfach Veränderungen hinzunehmen, aber nur durch Veränderung wird Neues geschaffen. Die eigene Komfortzone mag schön und sicher sein, jedoch wird man niemals etwas anderes sehen und dadurch eventuell seine eigenen Werte als richtig erachten, obwohl sie es nicht sind. AFS steht für interkulturellen Austausch. Dieser findet aber nicht zu Hause vor dem Computer statt, sondern bedarf einer neuen Erfahrung. Diese Erfahrungen sammle ich immer noch und merke immer wieder, dass ich auch einige alte Rituale von Deutschland mehr und mehr ablege, da ich mich meinem Umfeld anpasse. Vielleicht werden dann auch einige Veränderungen mein späteres Leben in Deutschland bestimmen und prägen. Wer weiß?

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2 Kommentare

  1. Tanja 8. April 2018

    „Ein Grund, warum Menschen sich vor Veränderungen fürchten, ist der, dass sie sich stets auf das konzentrieren, was sie verlieren könnten anstatt auf das, was sie dazugewinnen könnten.“

    Klingt, als hättest Du schon viel dazugewonnen 😉

  2. Iris 10. April 2018

    Das Leben besteht aus Veränderung und das ist gut so. Mal gespannt wie du deine Erfahrungen in Deutschland in dein Leben miteinbaust

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