Farewell

Als wir bei unserem Mid-Year-Camp Mitte Dezember unsere Cultural Adaption Curve erstellten, war damals nicht sehr viel spannendes auf meiner Kurve zu erkennen. Monate später bei unserem End-Of-Stay-Camp vervollständigten wir diese Kurve bis zum Monat Mai. Obwohl es sich hier primär um eine Anpassungskurve handelte war es eigentlich auch ein Stimmungsbarometer des Jahrs. Auch hier war bei mir im Vergleich zu anderen nicht viel an Veränderung zu sehen. Klar gab es kleine Hochs und Tiefs, doch summa summarum war meine Kurve immer im positiven Bereich und hatte nie einen Punkt erreicht, an dem ich wirklich schlecht gelaunt war. Doch das Camp war noch nicht das Ende unseres Jahrs. Wenn ich jetzt meine Kurve weiterziehen würde, gäbe einen deutlichen Abfall.

Es scheint fast so als müsse das Jahr seine unglaublich positive Mehrheit in den letzten Wochen noch kompensieren. Wer jetzt denkt, dass es während meines Jahres keine Rückschläge gab ist doch sehr naiv, aber diese waren eigentlich nie erwähnenswert, da es sich um Kleinigkeiten handelte, die keinen großen Einfluss. Innerhalb der letzten zwei Wochen gab es dann aber doch zwei sehr einschneidende Ereignisse. Zum einen natürlich der Verlust meiner Kamera. Klar handelt es sich nur um ein Stück Technik, aber dieses Stück Technik hat mich schon sehr viel begleitet und tolle Momente festgehalten. Eigentlich wollte ich nach dem Urlaub in Indonesien noch einiges im Penang Cheshire Home fotografieren und filmen. Das geht jetzt nicht mehr so wie ich mir das vorgestellt habe, aber glücklicherweise habe ich ja noch mein Smartphone, das diese Aufgaben auch in gewisser Weise ausführen kann. 

Eigentlich sollte aufgrund unseres bevorstehendes Abschieds unsere Stimmungskurve nach oben schießen und bis zu unserer Abreise nochmals einen Höhepunkt erreicht haben. Das dies bei mir aber nicht so leicht wird zeigt dann Ergebnis zwei.

Farewell bedeutet so viel wie Abschied. In den letzten Wochen ein sehr häufig benutzter Begriff in meinem Umfeld. Meistens für eine farewell-Veranstaltung, wie das farewell-dinner bei unserem Camp. Doch auch das PCH wollte einen offiziellen Abschied für mich organisieren und da traf sich das jährliche Management Dinner ganz gut dafür. Kurz die Bezeichnung getauscht saßen wir am Samstag Abend in einem Hotel um mein Abschiedsessen zu zelebrieren. Tatsächlich war der Großteil aber eher am Essen interessiert, als an mir. So würde ich behaupten, dass 50% der Leute mich überhaupt nicht kannten. Was jetzt vielleicht ein bisschen enttäuschend klingen mag, war gar nicht so schlimm für mich. Ich freue mich jetzt schon mehr auf den Abschied mit meinem Bewohnern. Doch man hatte auch zwei Bewohner mitgenommen. Wieso weiß ich bis heute nicht, aber diese beiden hatten es geschafft. Wie man schon erahnen konnte war dieses Dinner eigentlich nicht wirklich spektakulär. Eigentlich. Nachdem sich die beiden Bewohner schon früher verabschiedeten, weil sich eine der beiden etwas stärker verschluckt hatte ging unser Essen noch etwas. Doch kurz bevor sich sowieso alle verabschiedet hätten wurde meine Chefin angerufen. Die Bewohnerin, die sich verschluckt hatte war in der Notaufnahme gelandet. Sehr abrupt  verließen wir das Hotel und fuhren zum Krankenhaus. Ich war schon einige Male in den verschiedensten Krankenhäusern von Penang, doch nie zuvor in der Notaufnahme. So überraschte mich es etwas, dass wir ohne großes Aufhalten bis zum Behandlungszimmer vordringen konnten ohne aufgehalten zu werden. Eigentlich war ich davon überzeugt, dass sich dieses Problem leicht lösen ließe, doch mir wurde gesagt, dass sie scheinbar ohne Atem in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Das ließ den anfänglichen Optimismus doch deutlich schrumpfen. Nach und nach kamen immer mehr Mitarbeiter des Homes, um sich selbst ein Bild von der Situation machen zu können. Ganz selbstverständlich gingen die meisten einfach ins Behandlungszimmer und schauten nach unserer Bewohnerin. Auch wenn wir Freiwilligen aufgefordert wurden dies auch zu tun, wollten wir doch lieber die Privatsphäre der anderen Patienten wahren und nicht den Ärzten im Weg herumstehen. Irgendwann wurden wir dann aber doch bis auf zwei Personen gebeten, den Flur zu verlassen und draußen zu warten. Immer noch angezogen in den Klamotten des Dinners wechselten wir kurz unsere Kleidung und nahmen etwas Verpflegung für die anderen mit. Dann hieß es warten. Ich hatte vor dem Dinner nicht damit gerechnet noch bis um 23 Uhr mit meinen Arbeitskollegen irgendwo zu warten, aber wer hatte das schon erwartet. Nach und nach wurde die Gruppe immer kleiner und da um 2 Uhr immer noch keine Neuigkeiten zu hören waren beschloss ich schlafen zu gehen, um dann am nächsten Morgen wieder warten zu können.

Ohne eine neue Nachricht ging der nächste Tag los. Als ich allerdings nach einer Entwicklung fragte wurde mir nur gesagt, dass sie von der Intensivstation nun in ein Krankensaal gebracht wurde. Hier handelt es sich aber nicht um Krankenräume, die man von deutschen Krankenhäusern kennt. Statt einem Zimmer mit 6 Personen war hier ein Raum für über 30 Personen eingerichtet. Privatsphäre gewährt einzig und allein der grüne Vorhang, der um jedes Bett gezogen werden kann. Bei einer solchen Anzahl ist es auch verständlich, dass die Krankenschwestern nur ein bis zwei Besucher auf einmal zu den Patienten lassen. Ich löste meine Chefin ab und wartete am Krankenbett. Jeder kennt diese Krankenhausszenen, in denen eine Zeit endlosen Wartens dargestellt wird. Genauso erging es mir. Ich saß vor dem Bett, studierte die Vitalwerte, die Namen der Infusionen oder das Geschehen um mich herum. Ich werde hier aus Privatsphäre nicht genauer beschreiben, was genau vorlag und wie der Zustand meiner Bewohnerin detailliert war. Nach knapp 5 Stunden kamen immer mehr Besucher, die an das Krankenbett wollten. Eigentlich ja nur maximal zwei Besucher pro Patient. Eigentlich. Zeitweise standen 14 Personen um ein Bett und versuchten gute Worte auf die Bewohnerin einzureden. Die Tatsache dass sie seit Samstag Abend nicht mehr bei Bewusstsein war, wurde dabei außer Acht gelassen. Auch im weiteren Verlauf des Tages war die Besucherzahl immer mindestens dreifach über dem Besuchermaximum. Doch auch die vielen Besucher konnten nichts an der Tatsache ändern, dass um 20 nach fünf das Warten zu Ende war. Geschützt durch den grünen Vorhang war soeben das PCH um eine Bewohnerin kleiner geworden. Nach über neun Stunden Beobachtung war dieses Ende nicht mehr völlig überraschend, aber dennoch genauso schockierend. Ich versuchte den längeren Weggefährten Trost zu spenden und einfach nur da zu sein. Es bedarf in solchen Momenten keiner großen Worte und es ist vollkommen egal welche Sprache man spricht, denn eine Umarmung ist wohl in den meisten Kulturen gleich verständlich. Als Dank für meine Zeit den ganzen Sonntag über wurde mir ein kleines Dankeschön überreicht. Dieses Dankeschön ist das Titelbild dieses Beitrages geworden. Doch dann war es Zeit sich zu verabschieden. Da das Home auch teilweise für Bestattungen verantwortlich ist musste noch einiges geklärt werden. Für mich ging es aber erst einmal zurück um nach über 10 etwas zu essen und sich zu duschen. Im Krankenhaus konnte ich jedenfalls keine Hilfe für Bürokratie sein.

Am nächsten Morgen wurde mir gesagt, dass wir nochmals in Krankenhaus gehen müssten. Mit nicht viel mehr Informationen ging ich mit der ganzen Schar die kurze Strecke. Angekommen wurde mir bewusst was die Aufgabe war. Während der männliche Teil der Gruppe den Sarg vorbereitete, waren die Frauen für die Totenversorgung zuständig. Während in Deutschland der Bestatter üblicherweise so etwas übernimmt war es hier selbstverständlich, dass wir das übernehmen. Mein Job war es dabei die Dinge, die im Home vergessen wurden, zu holen. Ich glaube das entsprach am ehesten meinen Fähigkeiten. Nachdem alles fertig war wurde der Sarg in einen Van getragen und wir fuhren alle gemeinsam zu einem öffentlichen Aufbahrungsort. Eine halboffene Halle, zwei Stapel Stühle und sanitäre Anlagen hinter der Halle. Das war viermal nebeneinander der Ort, an dem Trauernde der Verstorbenen nochmals die letzte Ehre erweisen konnten. Doch innerhalb von 30 Minuten waren Tische, ein Vorzeit und eine Art Hintergrund installiert. Die Arbeiter hatten ihre Routine offenbar perfektioniert, denn wenn man nun in die Halle trat sah dieser Ort gänzlich anders aus. Fertig eingerichtet hieß es nun Totenwache halten. Was sich im Deutschen relativ hart und traurig anhört war eher so etwas wie der Leichenschmaus nach einer deutschen Beerdigung. Man saß da unterhielt sich, trank und aß Snacks die bereitstanden. Das alles im Beisein des Sargs. Manchmal war diese Situation bizarr, doch über die Tage sollte dies bessern.

Auch am nächsten Tag war die Hauptbeschäftigung das Warten auf Trauernde und Beileidsbekundungen. Während wir alle in den Betten zu Hause geschlafen hatten, hatte ein Freiwilliger die Nacht an dort verbracht, da man keine schwarzen Katzen in der Nähe der Halle haben wollte. Ich glaube mittlerweile ist jedem schon klar geworden, dass es trotz einer römisch-katholischen Beisetzung auch noch andere kulturelle Aspekte gibt, die in den Ablauf hineinspielen.   Ganz interessant finde ich auch, dass an den Aufbahrungsort nicht nur Christen kommen. So war neben uns beispielsweise eine buddhistische Trauerfeier. Interessant ist auch, dass alle Menschen, die hierher kommen, ähnliches erlebt haben und man so irgendwie auch eine Gemeinschaft ist. Klingt komisch ist aber so. Der Tag verging nicht sehr schnell und neben dem ein oder anderen Blumengruß kamen nicht viele Menschen hierher. So war ich froh, als abends ein Gottesdienst stattfand. Obwohl der Gottesdienst auf Englisch war und ich bei Vater Unser passen musste, konnte ich doch wenigstens einige Songs mitsingen. 

Bevor die Beerdigung stattfand war am Mittwoch nochmal ein kurzer Entsendungsgottesdienst am anderen Ende der Stadt. Deswegen fuhren alle für circa acht Minuten Gottesdienst durch den Mittagsverkehr von Georgetown. Der Grund für diesen doch recht kurzen Gottesdienst war die Sorge vor dem Stau, der durch das Schulende täglich ausgelöst wird. Rechtzeitig konnten alle jedoch wieder ans andere Ende der Stadt fahren um zum Friedhof zu gelangen. Friedhöfe in Penang sehen eher aus wie verlassene Hügel mit beschrifteten Steinsäulen, jedoch sollte es dazu nicht kommen. Unsere Bewohnerin wurde verbrannt und somit war hier nochmals die allerletzte Gelegenheit Abschied zu nehmen. Doch das sollte nicht das Ende sein. Am nächsten Tag durfen wir die Überreste in eine Urne legen, die dann in eine Halle gebracht wurde. in einem Regal neben hunderten anderen Urnen ist nun der letzte Ruheort für unsere Mitbewohnerin und damit war schließlich am Donnerstag endgültig alles abgeschlossen.

Wenn man so viel Zeit hat, da man wartet und die ganze Zeit mit dem Toten verbringt fällt der letztendliche Abschied gar nicht mehr so schwer und auch wenn ich das nie geglaubt hätte so bin ich doch sehr positiv von diesem Ereignis überrascht. Es mag vielleicht komisch klingen, aber ich bin nun auch dankbar dafür erlebt zu haben, wie eine Beerdigung hier ablaufen kann. Mein farewell-Dinner wird mir wohl lange im Gedächtnis bleiben, da es eben nicht nur für mich ein Abschiedsessen war.

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