Hari Raya

Schon auf unseren Vorbereitungsseminaren wurde uns gesagt, dass wir die Chance haben das malaiische Leben in Gastfamilien zu erleben. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir jedoch nicht zu welchen Festen wir in einer Gastfamilie sein würden. Im Oktober hatten wir dann zu Deepavali einen Aufenthalt in Kampar bei einer indischen Gastfamilie und das war wohl eine der schönsten Erlebnisse von diesem Jahr. Ich bin mir nicht sicher ob Freiwillige aus anderen Regionen an Weihnachten eine Gastfamilie hatten jedoch weiß ich sicher, dass andere zu CNY eine Gastfamilie hatten. Wir aus Penang hatten zu dieser Zeit immer frei und konnten unser Programm selbst aussuchen, aber trotzdem versuchten wir natürlich die kulturellen Einflüsse wahrzunehmen. Nun zum Ende des Jahres hatte unser Chapter aber nochmal einen Aufenthalt bei einer muslimischen Familie. Der Anlass: Das Ende des Fastenmonats Ramadan.

Am Mittwoch starteten wir recht früh um rechtzeitig in Perlis anzukommen. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Bus nördlicher als Penang fuhr. So war die Busfahrt spannender, als wären wir zum x-ten mal Richtung KL gefahren. Statt Palmölplantagen sah man dieses Mal nämlich Reisfelder. Irgendwie musste das Klischee von Reisfeldern noch in mein Jahr untergebracht werden. Beschallt wurde der Bus mit Hari Raya Musik und erst kam mir das etwas komisch vor, doch was ist mit Weihnachtssongs? Da besingt man auch ein Fest und so war ich nach anfänglichem Amusement wieder etwas bewusster.

Nach der Ankunft im kleinsten Staat Malaysias wurden wir bereits erwartet. Scheinbar waren es dieses Mal wirklich nur die Freiwilligen und Schüler aus Penang, die hierher kommen würden. Zu acht warteten wir auf unsere Gastfamilien. Nach und nach kamen Gastfamilien und immer zwei Freiwillige wurden mitgeschickt. Als einer der letzten beiden ging ich davon aus, dass ich auch eine Partnerin in der Gastfamilie haben würde, doch falsch spekuliert. Für mich ging es alleine in eine Gastfamilie. Doch bevor wir das Haus der Familie erreichen sollten ging es erst einmal zur Autowerkstatt. Scheinbar musste das Motoröl gewechselt werden. So lief der erste Smalltalk an der Werkstatt ab anstatt im Auto oder zu Hause. Doch Smalltalk wäre noch ein euphemistischer Ausdruck. Es war eher eine Art Ein-Wort-Satz-Gespräch. Da mein Malay sehr dürftig ist und außer meinem Vater keiner ein Wort Englisch verstand sollte das die nächsten Tage noch spannend werden. Mit neuem Motoröl fuhren wir nun weiter zu dem Haus meiner Gastfamilie. Dieses war nicht in der Stadt, sondern auf dem Land. Die Siedlung die wir erreichten hatte keinen Namen und bestand aus nicht einmal zehn Häusern. Umgeben von Reisfeldern wurde mir hier bewusst wie viel Glück ich bei meiner Platzierung gehabt hatte. Alleine hier etwas unternehmen wäre sicherlich nicht so leicht wie in Penang. Doch über meine Unterkunft konnte ich mich nicht beschweren. Ein eigenes Zimmer wurde mir bereitgestellt und nachdem ich meinen Rucksack abgestellt hatte wartete ich im Wohnzimmer was wir nun unternehmen würden. Doch es schien so als würden wir erstmal hier bleiben und ich lernte mit meinem siebenjährigen Gastbruder englische Vokabeln. Nach einer halben Stunde war aber das auch erledigt und ich entschied mich etwas die Umgebung zu erkunden. Idyllisch könnte man dazu sagen. Ruhig. Ja, aber vielleicht etwas zu sehr. Den Rest des Tages passierte nicht mehr sehr viel und ich freute mich schon auf das Fastenbrechen am Abend. Dieses war zwar recht schlicht, aber mit vollem Magen war der Abend doch schon recht schnell vorbei.

Am nächsten Morgen stand ich dann um 5 Uhr auf. Grund dafür war die letzte Mahlzeit vor Beginn der täglichen Fastenzeit. Mit Nasi Goreng zum Frühstück ging es dann aber nochmal ins Bett um auszuschlafen. Für gewöhnlich kann ich das eher weniger und durch mein Jahr hinweg habe ich auch keinen Wecker mehr morgens gebraucht. Doch das Leben hier ging erst um zehn Uhr so richtig weiter. Für mich eher spät, aber okay. Da wir nicht wirklich einen großen Plan für diesen Tag hatten ging alles sehr gemächlich von statten und gegen Mittag brachen wir auf in die Stadt. Ziel war eine Tuningwerkstatt. Die folierten Frontlichter des Autos sollten ausgetauscht werden. Statt matt weiß nun also klar blau. Dieser Prozess nahm einige Zeit in Anspruch und als wir nach über anderthalb Stunden die Werkstatt verließen, waren die Lichter im gewünschten Blau foliert. Nächstes Ziel war ein kleinerer Supermarkt in dem wir noch Kleinigkeiten besorgten. Das war alles für heute und wir kehrten zurück nach Hause. Da es nichts wirklich zu tun gab holte ich einen Zauberwürfel, den ich entdeckt hatte und begann diesen zu lösen. Die gute Nachricht war, dass ich es immer noch konnte; die schlechte, dass danach immer noch nicht wirklich viel zu tun war. Irgendwann verabschiedete sich dann auch mein Gastvater um arbeiten zu gehen. So war ich alleine mit meiner Gastmutter, meiner Gastschwester und meinem Gastbruder. Keiner von ihnen beherrschte ein Wort Englisch und dementsprechend schwer war es für mich eine Konversation aufzubauen. Zudem lief im Fernseher eine malaiische Serie, sodass ich eher mich mit meinem Smartphone beschäftigte als mit meinen Gastgebern. Als die Sonne untergegangen war, stand das letzte Fastenbrechen für diesen Ramadan an. Ich hätte mit einer großen Auswahl an Speisen und Getränken gerechnet. Tatsächlich unterschied sich das Essen nicht wirklich gegenüber dem vom Vortag. Etwas verwundert darüber ging ich nach dem Essen duschen. Als ich fertig war wurde ich nach draußen gebeten. Auf einem Holzbalken waren Flaschen mit Öl gefüllt und mit einem Docht bestückt. Mir gebührte die Ehre diese anzuzünden. Warum und weshalb das gemacht wird konnte ich auf Grund meiner schlechten Sprachkenntnisse leider nicht herausfinden. Neben den brennenden Lichtern gab es aber natürlich auch Feuerwerk. Mittlerweile habe ich schon vergessen, wie oft ich in meinem Austauschjahr schon Feuerwerk gesehen habe. Dieses Feuerwerk sollte wohl das Fest des großen Fastenbrechens (Hari Raya Aidilfitri) einleiten.

Der Freitag war der erste Tag des neuen muslimischen Monats und gleichzeitig der Hauptfeiertag des Fastenbrechens. Da ab diesem Tag wieder ganz normal gegessen werden kann war es um 5 Uhr still. Doch statt 10 Uhr begann der Tag heute eine Stunde früher. Da ich keinen Baju (traditionelle malaiische Kleidung) habe wurde mir von meinem Gastvater ein Baju ausgeliehen. Frisch geduscht schlüpfte ich in den blauen Anzug. Soweit so gut dachte ich. Das war es auch bis auf den Fakt, dass meine komplette Gastfamilie ein einheitliches Dunkelgrün trug. So war ich etwas herausgestellt von der Gruppe (als wäre ich das nicht schon sowieso). Ähnlich wie man es von uns an Weihnachten kennt wurde die Familie besucht. Bei den Eltern meines Gastvaters frühstückten wir und erzählten etwas. Meine Rolle dabei war, wie man es sich denken kann, sehr passiv. Auch bei dem

Besuchen der Eltern der Gastmutter war es nicht viel anders. Auch typisch für jedes Fest scheinen Kekse zu sein. Was bei uns Plätzchen und Lebkuchen an Weihnachten sind, ist hier je nach Fest auch eine bestimmte Art von Keksen. Ähnlich wie an Deepavali war ab jetzt die Hauptmahlzeit Kekse und süße Getränke. Nach Gesprächen und einem Fotoshooting mit mir ging es weiter zu dem nächsten Familienmitglied. So langsam begann ich wieder den Überblick über den Stammbaum meiner Gastfamilie zu verlieren, denn mit steigender Anzahl an Besuchen wurde es immer unübersichtlicher. So schritt der Tag voran, indem wir zu Häusern fuhren, dort kurz „Hallo“ sagten und Kekse aßen. Obwohl diese Art von Beschäftigung leicht klingt war ich nach 8 Stunden besuchen doch irgendwie müde. So fand ich es auch nicht schlecht, dass wir bei einbrechender Dunkelheit zurückfuhren. Doch nachdem wir uns alle wieder frisch gemacht hatte hieß es wieder Aufbruch. Zum Abendessen und Abschluss des Tages ging es zu einem letzten Haus. Dachte ich. Bei einem Haus blieb es nicht und ich hatte einfach nur noch das Bedürfnis etwas Wasser zu trinken und schlafen zu gehen. Das sollte mit dann auch erfüllt sein.

Am Samstag dachte ich, dass es ein anderes Programm geben würde, doch mir schwante Böses als wir wieder ins Auto stiegen. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich und wir saßen wieder bei mir fremden Menschen im Wohnzimmer tranken Sirupwasser und aßen Kekse. Auch wenn ich nur mäßig Bahasa Melayu spreche kann ich es doch meistens verstehen wenn über mich gesprochen wurde. Mit einem vielsagenden Nicken trug ich dann zum Gespräch bei oder manchmal konnte ich sogar antworten. Hat man dann ein malaiisches Wort gesagt, denken meine Gesprächspartner scheinbar ich verstehe nun doch Bahasa Melayu und eine Flut mir unbekannter Wörter schlägt auf mich ein. Mit einem hilflosem Blick versuchte ich dann zu schildern, dass ich doch nicht so viel verstehe wie mir gerne lieb wäre, aber die Wörter prasseln trotzdem auf mich herunter. Nach einigen Häusern erklärte mir mein Gastvater, dass der Plan heute zehn Häuser wären. Ambitioniert. Ich weiß nicht ob meine Gastfamilie dann irgendwann auch keine Lust mehr hatte oder ob er der Sturm und Regen war. Jedenfalls fuhren wir nachmittags zurück zu unserem Haus und waren dann ab 15 Uhr selbst Gastgeber. Doch nur für die Eltern des Gastvaters. Danach fuhren wir nochmals los um Familie oder Freunde zu besuchen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mein persönlicher Break-Even Point erreicht und ich war wenig begeistert von der Idee aber ging natürlich trotzdem mit. Viel zu berichten gibt es darüber nicht, weswegen ich auch froh war als wir wieder ins Auto stiegen und weiterfuhren. Doch anstatt nach Hause zu fahren ging es in die Stadt zum Friseur. Samstags Abends um 21 Uhr. Für meinen Gastvater und meinen Gastbruder gab es einen neuen Haarschnitt. Danach ging es allerdings zurück. Ich dachte dass es das für heute war und wollte schlafen, als um 23 Uhr nochmal ein Auto kam und sich Besuch ankündigte. Ich weiß nicht ob es dass so in Deutschland auch gibt, aber zumindest hier schien es selbstverständlich. So war das Mitternachtsbuffet wieder Kekse. Als kurz danach aber der Besuch ging war ich doch froh schlafen gehen zu können.

An meinem letzten Tag passierte auch nicht mehr viel. Im TV lief die Wiederholung eines WM-Spiels und somit waren zumindest 90 Minuten an Unterhaltung gesichert. Ansonsten passierte nichts mehr spannendes. Keine Besuche oder Besucher. Außer kurz bevor ich zum Bus musste. Deswegen waren wir auch leicht im Stress als der Besuch dann ging. Etwas zu spät aber doch noch rechtzeitig erreichten wir den Busbahnhof. Dort warteten die anderen auch auf den Bus, der uns nach Penang bringen sollte. Nach ein paar Abschiedsworten und letzten Fotos stiegen wir in den Bus.

Auf der einen Seite war ich traurig schon wieder gehen zu müssen, aber andererseits war ich auch froh wieder etwas zu unternehmen und nicht nur herumzusitzen und zum x-ten Mal einen Zauberwürfel zu lösen. In drei Stunden sollten wir in Penang sein, doch an diesem Tag werden laut einer anderen Freiwilligen die entfernteren Verwandten besucht und so kam es zu Stau. Dazu gesellte sich wieder starker Regen. Das führte zu dem ein oder anderen Unfall und deswegen sitzen wir nun schon seit über 6 Stunden im Bus und freuen uns auf Penang.

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