Jerusalem ירושלים

Montag, 5:30 Uhr. Während die meisten Deutschen den Pfingstmontag mit ausschlafen genießen stehe ich auf dem P&R-Pakplatz und warte darauf abgeholt zu werden. Mit mehreren Mietautos geht es nach Frankfurt. Das Zusammenspiel von Uhrzeit und Feiertag bewirkt, dass die Autobahn fast vollkommen leer ist und nur wenige in den Morgenstunden unterwegs sind. 

Trotz oder vielleicht auch wegen meiner gesammelten Reiseerfahrung in den letzten Jahren war ich eigentlich relativ entspannt, was das Reisen angeht. Das Gefühl etwas vergessen zu haben, wenn man Koffer packt, ist trotzdem vorhanden. Wer sich unsicher beim Packen ist, dem empfehle ich die App PackPoint. Diese erstellt anhand des Reiseziels und den ausgewählten Aktivitäten eine Packliste, die man Stück für Stück abhaken kann. Ich hatte diese App probiert und war mir eigentlich auch sicher nichts vergessen zu haben, aber das eine komplette Hälfte meines Koffers noch leer war, nachdem alle Klamotten und Badesachen eingepackt waren irritierte mich doch.

So grübelte ich die ganze Zeit auf der Fahrt, was es wohl sein könnte, das mir fehlt. Mir fiel allerdings nichts ein, auch wenn mein Koffer der kleinste und leichteste der gesamten Gruppe war. Hier zeigt sich wohl, dass ich ein Jahr fast nur mit Handgepäck gereist bin.

Um 7 Uhr erreichten wir den Flughafen in Frankfurt und nachdem wir unser Mietauto abgegeben hatten, machten wir uns auf den Weg zu großen Anzeigetafel. Das klickende Geräusch der einzelnen Buchstabenreihen empfing uns und nach kurzem Überfliegen der Reiseziele stellten wir fest, dass Jerusalem noch gar nicht gelistet war. Wir waren wohl zu früh da.

Nach und nach trudelten auch alle anderen Auszubildenden ein. Auch hier merkte ich, dass mein Koffer unterdurchschnittlich klein und leicht war. Nach ungefähr einer Stunde weiteres Warten konnten wir endlich unser Gepäck aufgeben und mein Verdacht wurde bestätigt. Mit 13,7 kg von den erlaubten 23 kg hatte ich den leichtesten Koffer der Gruppe.

Flüge nach Israel sind bekannt dafür, dass eine strenge Überwachung herrscht und der Sicherheitscheck auch gerne etwas länger dauern kann. Deswegen machten wir uns gleich auf Richtung Sicherheitscheck. Hinter dem Reisepass-Kontrolle folgte in einem kleineren Abschnitt die Kontrolle des Gepäcks. Im Voraus zu meiner Reise wurde mir oft über die strengen Sicherheitschecks berichtet. Doch ich muss sagen: Die Sicherheitskontrollen unterschieden sich auch nicht wirklich von denen, die ich in den letzten beiden Jahren erlebt habe. Mit viel zu viel Zeit warteten wir also noch fast zwei Stunden, bis unser Flugzeug abheben sollte.

Wieder einmal in der Luft. Auch wenn ich schon sehr viel geflogen bin, zieht es mich immer wieder an einen Fensterplatz. So auch dieses Mal. So hatte ich wenigstens etwas Abwechslung, wenn ich nach draußen schaute, weil ein digitaler Bildschirm war in diesem A321 nicht vorhanden. Das dämpfte auch einige Erwartungen an den Flug. Kompensiert wurde dies allerdings durch das Servieren des Bordmenüs. Während vor dem Abflug unsere Gruppe sich noch uneinig war, ob wir in 5 Stunden Flug etwas zu Essen erhalten würden kam die Gewissheit etwas kurz nachdem wir Salzburg überflogen hatten.

16:36 Uhr, Ankunft auf dem Ben Gurion International Airport. Nicht ganz pünktlich aber doch sicher landeten wir in der Nähe von Tel Aviv. Mit einem Beigleitschreiben der Organisation ASF und den Reisepässen in der Hand ging es nun zur letzten Hürde, der Einreisekontrolle. Doch auch hier wurde nach zwei kurzen Fragen über die Art des Aufenthalts nicht weiter ein Drama veranstaltet und nur eine blaue Karte statt einem Stempel in den Reisepass gelegt.

So trafen wir, nachdem wir unsere Koffer abgeholt hatten, auf Lillith. Sie ist eine Freiwillige, die mit ASF ein soziales Jahr in Israel verbringt und gleichzeitig auch unser Programm teilweise koordiniert. Mit ihr machten wir uns auf den Weg Richtung Bus, um nach Jerusalem zu fahren.

Wie in Malaysia auch sind die Busse mit einer Klimaanlage ausgestattet, die gerne exzessiv gebraucht wird. Wir hatten ein wenig Glück, dass Lilith unseren Busfahrer überreden konnte die Temperatur etwas vom gefühlten Gefrierpunkt zu entfernen. Voller Neugier begann die Reise.

Was mir nach einem Jahr auffällt, sind Eindrücke, die ich gerne erst noch validiere und weiter beobachte, bevor ich schnelle Schlussfolgerungen ziehe. Natürlich gelingt mir das auch nicht immer, aber ich konnte beobachten, wie sich meine Einstellung gegenüber anderen Auszubildenden unterscheidet. So wurden viele erste Erkenntnisse gewonnen und diese gleich an andere weitergegeben. Obwohl ich noch nie in Israel war stellte sich bei mir eine Vertrautheit ein. Es kam mir nicht vor, als würde ich das, was an meinem Busfenster vorbeizieht, das erste Mal sehen. Auch hier vermute ich, dass mein FSJ schon viel Vorarbeit geleistet hat. Eine Sache bemerkte ich allerdings nach längerer Fahr doch. Es scheint als haben Israelis einen Hang zur kubistischen Bauweise. Nahezu alle Häuser, die während der Busfahrt zu sehen waren, hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Bauklötzen. Damit meine ich nicht nur Hochhäuser. Nein, auch kleinere Häuser sehen so aus. Ansonsten verlief die Busfahrt recht unspektakulär.

Nachdem wir uns durch den Feierabendverkehr von Jerusalem geschlungen hatten erreichten wir kur vor 18 Uhr unsere Bleibe für die nächsten Tage und den Sitz von ASF Israel, das Beit Ben-Yehuda. Bevor es Essen geben sollte, hatten wir nich etwas Zeit unsere Zimmer zu beziehen. Da wir aber sowieso nicht die vollen zwei Wochen hier bleiben würden waren wir schon nach kurzer Zeit bereit für das Abendessen. Landestypisch gab es Hummus, frisches Gemüse und Brot. Es sollten sich hier schon Tendenzen abzeichnen, wie ein solches Essen zu bewerten ist, aber ich wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich freute mich über das Essen, war aber auch dem orientalischen Reis angetan, was eventuell noch Nachwirkungen von Malaysia sein mögen.

Vollkommen gesättigt ging es nun an die Vorstellungsrunde der Verantwortlichen unseres Aufenthalts und natürlich auch von uns. Namen und Beweggründe helfen allerdings nichts, wenn tatsächlich eine heikle Situation entstehen sollte. Deswegen erzählte uns Guy, der Landesverantwortliche von ASF wie wir uns in diesem Fall zu verhalten hätten. Es ist sicher nicht gewöhnlich, dass man am ersten Abend in einem neuen Land erfährt, was bei Raketen- und Bombeneinschlägen zu tun ist, aber wir sind hier in Israel. Um die Stimmung jedoch nicht anz zu drücken und unsicheren Teilnehmern nicht das vollkommene Gefühl von Angst zu geben betonte Guy nochmal, dass so ein Angriff oder Anschlag natürlich jeder Zeit stattfinden könnte, aber trotzdem relativ unwahrscheinlich ist. Nach diesen Informationen und weiteren Tipps wurde uns das Programm für die zwei Wochen unseres Aufenthalts ausgeteilt. Ich denke einige waren enttäuscht so wenig Freizeit und so viel Programm zu haben, allerdings sind wir ja auch nicht als Urlaubsriese in Israel. Gefüllt vom Essen und vielen Informationen hatten wurde uns noch angeboten von einer nahegelegenen Aussichtsplattform ins nächtliche Jerusalem zu schauen. Natürlich ließ sich keiner diese Möglichkeit entgehen und so ließen wir den ersten Abend im heiligen Land mit Blick auf den Felsendom und den Ölberg ausklingen.

Tag zwei startete, nicht wie vielleicht einige Leser hier erwartet hätten, um 9 Uhr sondern bereits um 7 Uhr mit Frühstück, damit wir eine Stunde später in die Altstadt aufbrechen konnten. Da unsere Unterkunft doch etwas weiter außerhalb lag entschieden wir uns für den Bus. Wichtig hierbei ist die Unterscheidung von grünen und blau-weißen Bussen. Grün steht für die israelischen Busse während weiß-blau den arabischen Bussen zugeordnet ist. Diese unterscheiden sich nicht nur von Zahlungsart und Klientel, sonder auch in ihren Linien und Verfügbarkeiten. So wird es schwer werden am Sabbat grüne Busse auf der Straße zu finden.

Vor den Mauern der Altstadt stieg unsere Reisegruppe aus dem Bus und machte sich zum Treffpunkt für eine Stadtführung auf. Die erste Anlaufstelle für uns war der Tempelberg. Nach einer Sicherheitskontrolle, die einer Flughafenkontrolle ähnelt, erklommen wir den Berg über den einzig möglichen Zugang für Nicht-Muslime. Wenn man sich in der Altstadt aufhält sollte man aus Respekt der unterschiedlichen Religionen seine Schultern und Knie bedecken. Wer diesem ungeschriebenen Gesetz nicht nachkommt, der wird auf dem Tempelberg dazu verdonnert lange Röcke zu tragen. Jedermanns Sache ist das sicher nicht, aber da ich mich entsprechend gekleidet hatten, gab es für mich auch keine Probleme. Bevor wir zu dem bekannten Felsendom mit goldener Kuppel liefen, erfuhren wir noch etwas über die Al-Aqsa Moschee. In dieser wird normalerweise gebetet statt, wie wahrscheinlich viele von uns dachten, im Felsendom. Durch teils heftige Erdbeben wird an der Moschee immer wieder gebaut, sodass man Elemente aus unterschiedlichsten Epochen wiederfinden kann. Auch die Ausrichtung der Moschee ist anders als man es von christlichen Kirchen kennt, da man man möchte, dass möglichst viele Gläubige die Möglichkeit haben in vorderster Front zu beten. Daraus ergibt sich, dass die Moschee um 90° gedreht gegenüber Kirchen erscheint. 

Weitaus bekannter ist trotzdem der Felsendom. Mit seiner goldenen Kuppel ist eine der Sehenswürdigkeiten weshalb viele Menschen nach Israel kommen. Wenn man die letzten Stufen erklimmt und auf gleichen Niveau mit der Moschee steht, wirkt der achteckige Bau sehr imposant. Das liegt auch teilweise daran, dass versucht wird um die Moscheen ein Platz zu bauen, auf dem man zur Ruhe kommen kann. Auf dem ehemaligen Palast des König Herodes ist dies ziemlich gut gelungen. Das gesamte Tempelareal umfasst die Größe von ca. 12 Fußballfeldern. Neben Olivenbäumen finden sich auch Schulen und kleinere Gebetsstätten auf dem Tempelberg. Unsere Führerin konnte uns auch einige Anekdoten über beispielsweise den Kettendom erzählen und so sehr vieles an Hintergrundwissen an uns herantragen. Nach einem kleinen Exkurs über den Ölberg, der für Christen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, stiegen wir wieder vom Tempelberg zu den historischen Mauern des früheren Palastes. Es gibt neben der Berliner und der chinesischen kaum eine weitere Mauer, die so bekannt ist wie die Klagemauer. Rufe wie „Die Mauer muss weg!“ Würden hier aber wohl weitaus weniger Anklang finden als in Berlin im Kalten Krieg. Für die Juden sind diese Steine des ehemaligen Palasts die wichtigste heilige Stätte. Auch berühmte Personen wie der Papst oder der Präsident der USA kommen an diesen bedeutenden Ort. Vielleicht sucht man dort ja auch Inspiration für eigene Mauern in Richtung Mexiko. Ich merke ich schweife ab. Die Klagemauer, die nach Geschlecht getrennt ist, ist für jeden zugänglich. Einzige Voraussetzung für Männer ist eine Kippa. Auch wenn die heilige Stätte nicht überfüllt war, wollte ich trotzdem nicht an das Heiligste für Juden herantreten ohne die Bedeutung dahinter zu erfasst zu haben und deshalb entschied ich mich nur das Geschehen zu beobachten. Da ich in meinem normalen Alltag normalerweise nicht mit Juden und deren Glauben in Kontakt trete war dies eine überaus spannende Erfahrung.

Unsere Führung durch die Altstadt von Jerusalem führte weiter durch das jüdische Viertel. Die Altstadt von Jerusalem ist in vier Viertel aufgeteilt. Neben dem jüdischen Viertel gibt es noch das christliche, das muslimische und das armenische Viertel. Wo man sich gerade befindet war zumindest für mich am ersten Tag noch nicht wirklich ersichtlich. Diese Abgrenzungen sind aber auch eher künstlich gestaltet, denn vom jüdischen Viertel gelangt man über eine alte römische Straße in den arabischen Basar. Hier gibt es alles was das Herz begehrt. Mindestens genauso vieles ist aber auch unnötiges, das die Welt nicht braucht. In einer der unzähligen Seitenstraßen entschlossen wir uns eine Mittagspause zu machen und etwas zu essen. Ich entschied mich für ein Pita Fladen mit Fallafel und Salat. So hatte ich innerhalb der ersten beiden Tage die beiden typischten Gerichte für Israel probiert und auch für überaus lecker befunden. 

Nach einer guten Stunde ging es für uns weiter auf die Via Dolorosa, den Leidensweg Christi. Doch statt chronologisch vom Tempelberg zu starten gingen wir in die entgegengesetzte Richtung. Damit schwammen wir wohl wortwörtlich gegen den Strom. Unser Ziel war aber auch die Grabeskirche im christlichen Viertel. Von außen unscheinbar beherbergt die Kirche neben zwei wichtigen christlichen Stätten ebenso sechs Konfessionen, die alle einen Platz in der Kirche haben. Man muss kein Hellseher sein, um ahnen zu können welch Andrang in der Kirche herrscht und obwohl die Kirche weitaus mehr zu bieten hat zieht es alle an zwei Orte. Dies ist zum einen der Ort an dem Jesus gekreuzigt worden sein soll; Golgotha. Zum anderen ist es das Grab in dem Jesus beerdigt und auferstanden sein soll. Andere heilige Stätten, wie beispielsweise das Grab von Adam, das direkt unter Golgotha ist, wirken gegen den Andrang fast wie ausgestorben. Ähnlich wie im Pantheon hat auch die Grabeskirche ein Opaion, durch das das Licht magisch in die Kirche strahlt. Fasziniert von diesem Orten verließen wir die Kirche und wanderten auf den immer voller werdenden Straßen zu unserer letzten Station, dem Damaskus-Tor. Es ist das imposanteste und größte Tor in der Mauer, die um die ganze Stadt führt. An diesem Punkt zwischen Altstadt und Neustadt, Antike und Moderne endete unsere fünfstündige Führung. Obwohl wir versucht hatten alle Informationen aufzunehmen waren die meisten von uns trotzdem ganz froh über das Ende. Es sei aber auch gesagt, dass dies nur ein kleiner Abriss in der Geschichte von Jerusalem war. 

Wir machten uns wieder auf zurück in die Altstadt zur evangelischen Erlöserkirche, in deren Nebengebäude wir noch einiges Organisatorisches wie beispielsweise Buskarten klären wollten. Außerdem hatten wir noch etwas Freizeit, die wir mit einem kleinen Streifzug durch die Neustadt nutzen wollten. So liefen wir zu den alten Stadtmauern, um durch ein Tor die Altstadt hinter uns zu lassen. Da wir uns selbst versorgen müssen überlegten wir auch gleichzeitig, was wir uns zum Abendessen machen würden. Die Entscheidung fiel auf Obstsalat und wir kauften in einem Supermarkt in der Nähe unserer Unterkunft entsprechendes Obst ein. 

Unser Abend war jedoch nicht zur freien Verfügung gedacht. Auf dem Programm stand der Film „Im Labyrinth des Schweigens“, der über die Auschwitz-Prozesse handelte. Ein wirklich guter deutscher Film, den ich gerne empfehle. Nach gut zwei Stunden und etwas salzigem Popcorn waren wir alle recht überrascht zu sehen, wie die damalige Situation gewesen war. Nach dem interessanten, aber auch durchaus anstrengenden Tag saßen wir noch etwas zusammen und ließen die ersten Eindrücke Revue passieren.

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