Geschichte(n)

Eigentlich war mein Plan nicht schon über die ersten beiden Tage mehr als 2.000 Wörter zu schreiben, aber die Jerusalem hat auch noch weitaus mehr zu bieten als ich in einem Beitrag hätte behandeln können. Obwohl in den nachfolgenden Tagen das Programm nicht weniger straff geplant war, entwickelte sich das Programm mehr in politischere Themen als touristische.

Der Dienstag stand fast ganz im unternehmerischen Sinne. Mit einem Bus ging es zwei Stunden Richtung Norden zu Beth-El Industries. Dieses Unternehmen ist ein Kunde von Würth, dem Unternehmen bei dem ich mein Duales Studium mache. Beth-El Industries ist eine Fabrik, die einer Glaubensgemeinschaft gehört. Obwohl diese sich selbst keinen Namen gibt würde ich sie als Beth-El titulieren, was so viel wie Haus Gottes bedeutet. Diese Gemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt dem Land Israel zu helfen. Dazu bilden derzeit knapp 900 Menschen einen Verbund, der versucht möglichst vieles alleine zu schaffen. So besitzt die Beth-El mehrere Kindergärten und Schulen, in denen nur Kinder der Gemeinschaft sind. Auch die grundsätzliche medizinische Versorgung ist durch eigene Krankenschwestern und Ärzte sichergestellt. Ein Krankenhaus gibt es allerdings noch nicht. Beth-El Industries ist derzeit Weltmarktführer in Belüftungs- und Filterungstechnik für Schutzräume und Zelte. Ohne es zu wissen wurde dieser Status erreicht und wir seither durch konsequente eigene Forschung weiter gefestigt. Mittlerweile musste das Unternehmen aber auch Arbeitskräfte einstellen, die nicht der Glaubensgemeinschaft angehören, um die Aufträge annehmen zu können. Besonders an der Firma wie auch der Glaubensgemeinschaft ist, dass alle Mitarbeiter, die Mitglieder sind kein volles Gehalt bekommen, sondern lediglich ein kleines Taschengeld. Es ist eine Philosophie der Gemeinschaft Vermögen zu teilen und gemeinschaftlich über neue Investitionen abzustimmen.

„Wer in Israel ein kleines Vermögen erhalten will, muss vorher ein großes besitzen.“ Dieser Spruch, der von dem Mitarbeiter von Beth-El Industries gesagt wurde, würde ich bisher vollkommen unterschreiben. Außer dem öffentlichen Nahverkehr ist hier nichts wirklich billiger als in Deutschland. Da bin ich doch ganz glücklich mit meinem Taschengeld in Malaysia gewesen, das mir dort auf jeden Fall ein komfortables Leben ermöglicht hatte. Für die Mitglieder von Beth-El ist Wohlstand jedoch nicht wichtig wie uns gesagt wurde. So war damals auch nicht beabsichtigt das führende Unternehmen in der Branche zu sein, aber durch wenige Zulieferer und viel Eigenfertigung schafft es das Unternehmen doch.

Nach einer kleinen Führung war der Vortrag vorbei und wir stiegen wieder in den Bus. Während der Fahrt überlegte ich mir, was ich von dem ganzen halten sollte. Auf der einen Seite wirkt dieses Leben sehr sozial und gerecht. Jeder in der Gemeinschaft kümmert sich um den anderen und man möchte eine ausgeglichene und faire Lebensweise. Doch leider schwingt für mich immer eine Vorstellung an eine Art Sekte mit. In einem Halbsatz wurde erwähnt, dass man sich wünscht, dass die eigenen Kinder in der Gemeinschaft heiraten. Außerdem kann man auch selbstverständlich austreten, aber genau diese beiden Aspekte waren mir nicht ganz so überzeugend. 

Nach einer kurzen Busfahrt erreichten wir Landesgesellschaft Würth Israel. Vielleicht sollte an dieser Stelle kurz eingeschoben werden, dass ich normalerweise am Stammsitz arbeite wie etwa 2.000 andere Angestellte. Hier in Isreal arbeiten insgesamt um die 40 Mitarbeiter und davon nur ein knappes Dutzend im Büro. Man kann sich also in etwa vorstellen, wie der Kontrast für uns war. Es handelte sich gefühlt um eine etwas größere Garage mit einer Hand voll Büros und nicht um einen Teil einer Gruppe, die im Jahr über 10 Mrd. € umsetzt. Begrüßt wurden wir von dem Leiter von Würth Israel, Jonathan Keren. Er gab uns einen kleinen Überblick zur Entstehung der Gesellschaft, dem Werdegang und die aktuelle Situation inklusive einiger Geschäftskennzahlen. Natürlich etwas ganz anderes als der Mutterkonzern in Deutschland, aber wie gesagt ist die Größe auch eine ganz andere. Dies waren auch die abschließenden Worte des Vortrags. Wir sollten uns bewusst machen, wieso manche kleine Unternehmen nicht gewisse Entscheidungen anders fällen als man vielleicht erwartet, aber jede Kultur ist anders und so auch der Kundenmarkt. Die Philosophie ist vielleicht gleich, die Ansätze jedoch unterschiedlich. Klarer wurde das für uns als wir durch die Garage gingen und uns die vertrauten Produkte anschauten. Während wir so durch die Gänge schlenderten erklärte Jonathan Keren welches Wachstum in Israel steckt. Man kann das Land scheinbar sehr gut mit Österreich vergleichen, da das BIP recht gleich sei. Um das wirklich beurteilen zu können fehlt mir die nötige Expertise aber es ist interessant zu hören, dass es ein kräftiges Wachstum gibt. Aus diesem Grund wird die Landesvertretung von Würth dieses Jahr noch in ein größeres Gebäude umziehen und dort mit mehr Platz arbeiten können. Bevor es weiterging gab es noch israelische Spezialitäten als Mittagessen. 

Wieder im Bus ging es zur letzten Station für diesen Tag, zu der ehemaligen Stadt Caesarea. Erbaut von König Herodes als eine Art Sommerstadt am Meer und um die Römer glücklich zu stimmen kann Caesarea auf eine lange Geschichte zurückblicken. Auch hier wurden wir wieder von einer Führerin durch die alten Ruinen geführt. Nachdem Herodes mit viel Mühe aus dem nördlichsten Stück Land, der er besaß, eine Hafenstadt erschaffen hatte, konnte er nur noch sechs Jahre dieses Meisterwerk bewundern. Der Hafen, der vollkommen künstlich als Bucht angelegt worden war, konnte, dank guter Planung, sogar mit dem Hafen von Alexandria mithalten. Doch nach dem Tod von Herodes fiel die Stadt an die Römer, die sie umgestalteten und ausbauten. So wurde z. B. der alte Tempel zerstört und ein neuer errichtet, der den römischen Götter geweiht wurde. Caesarea wurde 600 Jahre Provinzhauptstadt. Mit dem Fall des römischen Reiches fiel auch die Bedeutung der Stadt. Die Muslime eroberten die Caesarea und bauten eine Moschee da, wo vorher der Tempel war. Im 11. Jahrhundert erreichten dann die Kreuzritter das geheiligte Land, nahmen Caesarea ein und errichteten eine Kirche, die wie die gesamte Stadt, von dicken Mauern umgeben war. Auch für sie sollte nach knapp 200 Jahren die Stadt gehören, bevor sie wieder in andere Hände fiel und weiter an Bedeutung verlor. Heute findet man vor allem Ruinen aus der Zeit der Templer und die Grundpfeiler der Stadt, die einst Herodes plante. So viel aber nun mal zum Geschichtlichen.

Nach gut 2 Stunden Führung und vielen interessanten Fakten, wie dass man Herodes nachsagt den zweiten und dritten Platz erfunden zu haben, war unsere Führung vorbei. Da wir allerdings noch etwas Zeit hatten, nutzten wir die Chance um etwas im Meer zu baden, bevor es zurück nach Jerusalem ging.

Nachdem wir die letzten Tage immer sehr früh aufgestanden waren, war der Donnerstag mit etwas mehr Zeit bemessen und wir konnten etwas später aufstehen als sonst. Das Thema des Tages war „Perspektiven auf den Nahostkonflikt“. Dazu sollten wir einige Gespräche im Verlauf des Tages hören. Die erste Station war Ostjerusalem, das eine vornehmlich arabische Prägung hat. Hier trafen wir Ulrich Wacker und Suleiman Abu-Dayyeh von der Friedrich Naumann Stiftung. Beide erläuterten uns in groben Zügen, wie es zu der Entstehung der derzeitigen politischen Situation gekommen ist. Dabei versuchten sie so neutral wie möglich den Sachverhalt darzustellen, der wohl unter Diplomaten so etwas wie der gordische Knoten sein muss. Ein exemplarischer Streitpunkt sind die 440.000 israelischen Siedler, die in den Westbanks (das Westjordanland) leben. Israel wird in drei Zonen geteilt, die in den Osloer Verträgen beschlossen wurden. Zum einen gibt es die A-Zonen, die unter vollkommener israelischer Herrschaft kontrolliert werden, zum anderen die B-Zonen, die offiziell gemischt kontrolliert werden, jedoch in der Regel trotzdem israelisch sind und zu guter Letzt die C-Zonen, die von Palästinänsern kontrolliert werden. A- und B-Zonen machen dabei gut 72% des ursprünglichen Landes aus, obwohl die Population der beiden Volksgruppen nahezu gleich ist. Trotzdem sehen sich die Israelis immer noch stark bedroht und so wird die EU beispielsweise als pro-palästinensisch angesehen wird. Das ist in dieser Hinsicht bizarr, da Deutschland Israels zweitwichtigster Verbündeter nach den USA ist. Unser Heimatland ist allerdings auch in Palästina sehr hoch angesehen, sodass man auch hier wieder einen Konflikt spüren kann. Ulrich Wacker versuchte dabei die Seite der Israelis darzustellen, während Suleiman Abu-Dayyeh, der christlicher Palästineser ist, die Gegenseite darzustellen. Ich muss den beiden meinen höchsten Respekt zollen. Obwohl dieses Thema sehr emotional und brisant ist, versuchten beide immer sehr sachlich zu bleiben und nicht ihre Emotionen in die Diskussion einzubringen. Trotz allem konnte man natürlich die unterschiedlichen Positionen erkennen und ebenso, dass keine einfache Lösung auf der Hand liegt. Etwas ratlos und hilflos gingen wir nach einem kleinen Mittagssnack wieder und fragten uns, wie sich die Situation in Zukunft wohl entwickeln würde auch im Hinblick auf die anstehenden Neuwahlen des Parlaments im September.

Obwohl wir schon gegessen hatten, gab es für uns eine Mittagspause, die in Ostjerusalem und der Altstadt verbringen konnten. Einige von uns zog es zum Gartengrab, von dem ebenfalls behauptet wird, dass dort das offizielle Grab von Jesus ist. Hier war es allerdings deutlich ruhiger als in der Grabeskirche. Der andere Teil der Gruppe machte sich auf Schnitzel zu essen. Hier zeigte sich, dass die vegetarische Ernährung doch nicht jedermanns Sache ist. Nachdem sich alle gestärkt hatten und noch etwas vom der Atmosphäre der Altstadt aufgesogen hatten trafen wir uns alle wieder vorm Damaskustor, um mit dem Bus zum nächsten Ort zu fahren. An einer Haltestelle stoppte der Bus auf einmal und Soldaten mit Sturmgewehren betraten den Bus. Scheinbar handelte es sich hier um eine reguläre Ausweiskontrolle, auch wenn der ein oder andere fürchtete es könnte schlimmeres sein. Allerdings wurden wir als Touristen nicht nach einem Pass oder Ausweis gefragt. So schnell die Soldaten im Bus waren, standen sie nach der Kontrolle auch wieder draußen und unsere Reise ging weiter. 

Das Ziel war „Kids4Peace“, eine Organisation, die versucht die verschiedenen Völkergruppen zusammenzubringen. Gestartet wurde die Organisation 2002 von einem amerikanischen Bischof, der zunächst mit vier Familien startete. Heute zählt die Organisation über 500 Mitglieder und unterhält auch Austauschprogramme bspw. in die USA. Auch hier ist es ähnlich wie bei der Stiftung vom Vormittag. Niemand möchte das der Status quo so bleibt oder sich verschlechtert. Deswegen werden ab der 6. Klasse die Kinder über ihre Eigenwahrnehmung und das Erscheinungsbild von Nachbarn unterrichtet. Später, in höheren Klassen, gesellen sich Themen wie kulturelle Identität und Konfliktverhinderung dazu, die auch zum Bewusstsein über sich selbst und andere beitragen sollen. Ein Mitglied von Kids4Peace, Thalia, erzählte uns von ihren Erfahrungen und wie sie im Alltag mit den Unterschieden umgeht. Alle waren sich aber einig, dass der Konsens in den USA, Waffen kann man nur mit größeren Waffen bekämpfen, keine Alternative ist.

Mit einer Menge Gedanken im Kopf ging es zurück zum Beit-Ben Yehuda, unserer Unterkunft. Nach dem Abendessen sollte noch ein Highlight auf uns warten. Es war einer der Staatsanwälte, der damals im Prozess gegen Adolf Eichmann, beteiligt war; Gabriel Bach. Mit einer Mappe voller Bilder und Zeitungsartikel erzählte er uns zuerst, wie knapp er dem Holocaust entflohen war und gleich mehrere Male Glück hatte, dass er lebend in Israel ankam. Für mich ist es nach wie vor schwer zu begreifen, dass der Mann der in zahlreichen Zeitungen und Fotografien zu sehen ist, ein Teil des wohl bekanntesten israelischen Prozesses ist. Genauso ging es mir allerdings auch mit den Geschichten, die Gabriel Bach über den Prozess erzählte. Er hatte Adolf Eichmann relativ wenig gesehen, da er sonst nicht den Fall hätte bearbeiten dürfen und das Beweismaterial sichten können. So erfuhren wir mehr darüber wie Gabriel Bach in Dokumenten Beweismittel und Geschichten von Schicksalen gefunden hat. Besonders betont wurde von ihm, dass es immer wieder Gnadengesuche von deutschen Soldaten und Offizieren gab, bestimmte Juden nicht ins Konzentrationslager zu bringen, die jedoch allesamt von Eichmann abgelehnt wurden. Dieser Mensch durfte über Leben und Tod entscheiden und wählte jedes Mal letzteres. Erschütternd war auch die Tatsache, dass Eichmann sich über Befehle und Anweisungen von Adolf Hitler hinwegsetzte, um wirklich jeden einzelnen Juden zu töten und den Glauben auszulöschen. Um einen fairen Prozess zu garantieren, schickte er auch alles was er als wichtig für die Verteidigung von Eichmann empfand weiter. Doch natürlich kann man nicht alle Dokumente, die man im Laufe eines Verfahrens besitzt im Prozess verwenden. So erfuhr Bach auch sehr viele Schicksale, die er allerdings nie verwenden konnte. Bis heute ist mir ein Rätsel, wie dieser Mann abends einschlafen kann und auch etwas Witz in solche Vorträge zu bringen. Wahrscheinlich ist es die Routine, die er im Laufe der Jahre über zahlreiche Vorträge gesammelt hat. Auch über diesen Teils seines Lebens wollte Gabriel Bach uns erzählen. So pflegte er beispielsweise eine sehr gute Freundschaft mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann. 

Nach zwei unglaublich spannenden Stunden und einem Abschlussbild diskutierten wir in kleinen Gruppen in der lauen Sommernacht von Jerusalem weiter über das, was wir an diesem Tag alles erfahren hatten.

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