Shoa & Shabbat

Freitag. Schon dreieinhalb ereignisreiche Tage liegen hinter uns, in denen wir viel gesehen und gehört haben. Doch bisher haben wir wenig darüber nachgedacht, warum wir eigentlich hier sind. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste möchte mit dem Programm uns an die Zeit des Holocausts, bzw. der Shoa wie sie die Israelis nennen, erinnern.

Dafür besuchten wir die Gedenkstätte Yad Vashem auf dem Herzelberg. Bevor wir allerdings in das weitläufige Areal eintreten konnten, mussten wir zuerst unsere Rucksäcke abgeben. Zusammen mit einer schweizerischen Führerin starteten wir bei Bäumen, die man überall in Yad Vashem sehen kann. Diese wurden als Erinnerung an die sogenannten „Gerechte der Nation“ gepflanzt. Gerechte der Nation sind Menschen, die Juden während der Zeit der Judenverfolgung geholfen haben, sich vor den Nazis zu verstecken. Unter anderem kann man auch einen Baum von Oskar Schindler finden, der aber erst nach langen Diskussionen in Yad Vashem als Gerechter der Nation anerkannt wurde. Das Gebäude, in dem Ausstellungsstücke und Installationen rund um den Holocaust gezeigt werden ist von seiner Bedeutung gesehen eines der spannendsten Gebäude, von denen ich je gehört habe. Das Gebäude liegt in einer Senke des Berges halb offen, halb in den Berg gebaut. Man will den Holocaust nicht in den Berg begraben, aber auch nicht als Höhepunkt der Geschichte aufbauen. Im Museum selbst ist es relativ dunkel, da nur von einem kleinen Teil der Decke Licht einfällt. Die soll den Hoffnungsschimmer in der dunklen Zeit für die Juden zeigen. Wer schnell durch die Gedenkstätte gehen möchte hat Pech gehabt. Zwar sieht man am Anfang des langen Gebäudes schon den Ausgang auf der gegenüberliegenden Seite, aber man muss sich erst durch die Geschichte in Nebenräumen vorarbeiten. So starteten wir auch wie alle anderen am Anfang, in der Zeit als es den Juden in Deutschland (und Europa) noch gut ging. Jeder uns spürte das auch durch den Teppichboden, der sich im Laufe des Museums, zu Stein verwandeln sollte. 

Hier jetzt etwas über den Holocaust zu erzählen halte ich für wenig sinnvoll, da man nicht mit Worten beschreiben kann wie die damalige Situation für Juden gewesen sein muss. Zwar hatte jeder von uns Auszubildenden in der Schule das Thema auf dem Lernplan, doch wirklich auseinander setzen wird man sich wohl erst bei einem KZ-Besuch oder eben hier in Yad Vashem. Wie vorher schon erwähnt ist das Museum chronologisch aufgebaut und man kann sich aufgrund der Fülle an Informationen nicht alles durchlesen und merken, doch das ist auch nicht das Ziel. Während unsere Gruppe wortwörtlich durch den Zeittunnel lief wurden immer wieder persönliche Schicksale von Menschen erzählt, die entweder erfolgreich den Holocaust überlebt hatten oder von Menschen, die in dem Museum waren und bestimmte Erlebnisse an gewissen Stellen hatten. Die Geschichte, die mir am meisten im Kopf geblieben ist, war die des einzigen Babys, das in Auschwitz geboren wurden und zusammen mit ihrer Mutter dieses Lager überlebt hat. Es ist schwer vorzustellen, wie es wohl ist, wenn in der Geburtsurkunde das bekannteste Tötungslager des NS-Regimes steht. So schrecklich der Krieg und die Verfolgung auch war, es gab immer wieder Geschichten, die in dieser Zeit ein Gefühl von Glück und Hoffnung erzeugten.

Obwohl es in Yad Vashem um eines der dunkelsten Geschichten in der jüngeren Menschheitsgeschichte geht möchte die Gedenkstätte keine Katharsis, wie sie von den Griechen erdacht wurde. Nein, es soll hier weniger um Abschreckung gehen, sondern um Persönlichkeiten und Menschen. Uns wurden Briefe von deutschen Offizieren vorgelesen, die an ihre Familie geschrieben hatten. So viel Liebe und Normalität passten irgendwie nur schwer zu einem Menschen, der am nächsten Tag wieder bei mehrere Menschen über Leben und Tod entscheiden durfte. Yad Vashem geht es darum zu zeigen, dass hinter der Uniform auch nur ein Mensch steckt, so wie er heute auch noch existieren kann. Niemand hat einfach nur Befehle befolgt. Jeder kann einen Teil dazu beitragen oder eben nicht. Am Ende des Gangs konnte man in einem Raum unzählige Ordner sehen. Dort ist von jedem bekannten Juden eine Nameskarte abgeheftet. Die Regale zeigen aber auch, dass noch etwa 1,8 Millionen Namen fehlen, von denen kein Schicksal bekannt ist.

Wie persönlich die Gedenkstätte ist zeigt auch der letzte Teil unserer Führung. Für über eine Millionen Kinder war der Holocaust auch das Ende ihres noch jungen Lebens und so wurde ihnen nochmal ein extra Raum außerhalb des Gebäudes gewidmet. Dort sieht man in fast vollkommener Dunkelheit Kerzen brennen, die durch viel Spiegel, für die unglaublich große Zahl der Kinder steht. Während man durch den Raum schreitet werden die Namen der bekannten Opfer vorgelesen. Spätestens an diesem Punkt wird man als Besucher wohl ein Unwohlsein verspüren. Um unsere Gedanken fortführen zu können wurde uns eine Stunde Pause eingeräumt, bevor wir weiter machen würden.

Gestärkt von unseren selbst gemachten Lunchpaketen ging es nach der Pause in den Verwaltungs- und Bürotrakt der Gedenkstätte. Dort sprachen wir darüber wie wir die Gedenkstätte empfunden hatten. Außerdem versuchten wir zusammen mit unsere Führerin einen Bogen zur aktuellen politischen Situation zu spannen. Dabei betrachteten wir nicht nur Israel, sondern auch Europa. Wie auch die Tage davor kamen dabei seht interessante Gespräche auf. Die Zeit war wieder einmal sehr schnell vorbei und wir fuhren zurück in unsere Unterkunft, dem BBY. 

Dort konnten wir die Zeit nutzen um an unserem Reisetagebuch zu arbeiten oder einfach zu entspannen. Der Tag war allerdings noch nicht zu Ende, das Programm ging nur erst kurz vor Sonnenuntergang weiter.

Wir machten uns wieder auf, um in einer Synagoge den Shabbat zu feiern. Vor dem Gotteshaus wurde uns nochmals erklärt, wie der Gottesdienst gleich ablaufen würde. Glücklicherweise gab es neben hebräischen Büchern auch solche, die in lateinische Buchstaben übersetzt waren und wenigstens in der Theorie für uns verständlich waren. Aufgeteilt in Zweiergruppen saßen wir überall verstreut in der Synagoge und warteten darauf, dass die Zeremonie beginnt. Ich war gespannt wie es sein würde das erste Mal den Shabbat zu erleben. Völlig unspektakulär fing es mit einem Lied an. Der Rabbi kam in und setzte sich in die Mitte. Zu diesem Zeitpunkt war die Synagoge aber noch nicht einmal halb gefüllt. Nach dem ersten Lied mussten wir uns erst einmal orientieren, auf welcher Seite wir überhaupt waren. Eine große Hilfe waren die Einwürfe des Rabbi mit englischen Seitenangaben oder Steve, der neben uns versuchte immer zu zeigen wo wir waren. Über den Inhalt was und worüber wir gesungen haben kann ich leider nicht viel sagen, da das einzig Englische der Zeremonie die Seitenzahlen waren. Während des Gottesdienst kamen noch sehr viele Leute, sodass sich die Synagoge doch noch sehr füllte. Das wäre in einem christlichen Gottesdienst in Deutschland wohl auch eher unüblich. Ich fühlte mich ein wenig wie in den buddhistischen oder hinduistischen Gottesdiensten in Malaysia. Ich verstand absolut gar nichts und versuchte mich an den anderen zu orientieren. An einer Stelle stehen alle auf und heißen den Shabbat willkommen. Obwohl einige von uns nicht gleich reagierten schafften wir es doch, dass man uns nicht schräg anschaute. Allgemein würde ich den Gottesdienst als sehr interessant bezeichnen, da sehr viel gesungen wird. Dies auch mit einer Leidenschaft und mehrstimmig wie man in den Kirchen in Deutschland wohl nur noch sehr selten findet. So war die Stunde auch sehr schnell vorbei und wir hatten den Shabbat eingeläutet.

Wieder zurück im BBY hatten wir das Glück, die Bräuche des wöchentlichen Festes auch von der familiären Sicht zu erfahren. Ein jüdisches Ehepaar war zu uns gekommen und erklärte uns, wie der Freitagabend in einer typisch jüdischen Familie aussieht. Utensilien wie Kerzen, Wein und Brot spielen neben Gebeten und Segenswünschen auch eine wichtige Rolle. So muss auch schon alles vorbereitet sein, bevor der heilige Tag am Abend beginnt. Wie einigen sicher bekannt ist, dürfen Juden am Shabbat nämlich keine Arbeit mehr verrichten und dazu gehören auch sehr grundlegende Dinge wie der Abwasch oder das Löschen des Lichts. Ich muss zugeben, dass ich mir vor dieser Reise sehr wenige Gedanken über die jüdische Religion gemacht hatte und jetzt froh war diese Erfahrungen jetzt zu machen. Nach dem andächtigen Teil folgte dann gegen 20 Uhr auch endlich das Essen und wir konnten gesegnet uns zu Tische begeben.

Der Shabbat dauert von Freitag Abend bis zum Sonnenuntergang am Samstag. Das bedeutet zumindest in Jerusalem, dass die Welt fast still steht. Was das bedeutet, sollten wir am nächsten Tag erfahren. Wir wurden gebeten schon am Freitag Mittag uns etwas für den darauffolgenden Tag zu kaufen, da es womöglich schwer werden könnte am nächsten Tag etwas zu finden. So richtig bewusst wurde uns das aber erst als wir am Samstag morgens in den Bus einstiegen um nach Tel Aviv aufzubrechen. Während der Fahrt wirkte die Stadt wie ausgestorben und man konnte die Autos, die uns begegneten fast schon mit den Händen abzählen. Teilweise entdeckte ich sogar Straßen die abgesperrt waren. Was dafür der Grund ist weiß ich aber bis heute nicht.

Der Samstag stand eigentlich, wie der Shabbat auch, im Zeichen des Entschleunigens. In Tel Aviv hatten wir einen Tag zur freien Verfügung, den wir aber trotzdem alle gleich verbringen wollten. Bevor wir allerdings zu uns allerdings zu unserem Wunschort begeben konnten, mussten noch die Koffer abgegeben werden. Ab Sonntag sollten wir alle in unterschiedlichen Projekten verteilt in ganz Israel arbeiten. Einige von uns auch in Tel Aviv. So führte unser Weg erst zum Abraham Hostel um dort alle Koffer für den Tag zu deponieren. Doch leider wollte das Hostel nur die Koffer von den Personen annehmen, die auch wirklich dort übernachten würden. Die Zusage, dass wir die Koffer abholen würden und gerne auch bereit waren einen kleines Entgelt zu zahlen stimmte die Frau an der Rezeption auch nicht um und so mussten wir mit sechs Koffern zu unserem Wunschort, dem Strand.

Ich glaube nicht, dass ich bisher allzu viele Menschen mit großem Reisegepäck am Strand habe liegen sehen und ich wollte auch nicht einen komplett versandeten Koffer nach diesem Tag haben. Glücklicherweise erbarmte sich unsere Koordinatoren Louisa auf die Koffer aufzupassen, bis das Zimmer im Hostel bereit war und wir dann dort unsere Koffer hinbringen würden. So konnten wir alle nur mit unserem Handgepäck zum Strand und das Meer genießen. Ich glaube jeder der schon mal am Meer weiß, wie schön es ist bei über 30°C in kühle blaue Nass zu gehen und etwas die Seele baumeln zu lassen. Nach wie vor bin ich sehr glücklich über diesen Tag, da wir alle uns von dem straffen Programm der letzten Tage erholen konnten. Etwas schade war nur die Tatsache, dass am späten Nachmittag das Meer immer mehr Plastikmüll anspülte und der Badespaß etwas abnahm. Ein schöner Ausgleich dafür war aber, dass wir unsere Freiwilligen das erste Mal kennen lernten und uns unterhalten konnten, wie wir am Abend weiterkommen würden.

So schön der Tag am Meer auch sein mag, irgendwann geht er leider auch wieder zu Ende. Für einige war das auch gar nicht schlecht, da die israelische Sonne doch teilweise unterschätzt worden war und sich jetzt rote Stellen auf dem Körper bemerkbar machten. Geduscht und umgezogen machten wir uns zu Fuß auf den Weg wieder zurück zum Hostel um unsere Koffer zu bekommen. Nach zwei Kilometern stellten wir fest, dass es ziemlich spannend werden würde, ob wir es schaffen unseren Bus zu erwischen. So fiel die Verabschiedung am Hostel recht kurz aus und wir liefen mit kleckernden Koffern wieder los, um den Bus noch zu erwischen. Das Glück war uns jedoch nicht hold und nachdem wir die Schlange beim Sicherheitscheck geschafft hatten mussten wir feststellen, dass wir den Bus verpasst hatten. Doch zum Glück fuhr ein Zug nur wenige hundert Meter am nächsten Bahnhof in ein paar Minuten. Also ging es wieder aus dem Busbahnhof hinaus und wieder mit vollem Reisegepäck zum Zug. Als dieser einfuhr sah ich eine überraschende Ähnlichkeit mit den Regionalzügen der Deutschen Bahn. Ob diese die israelische Eisenbahngesellschaft beliefern weiß ich leider aber auch nicht. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich teilweise ganz froh war den Bus verpasst zu haben, da wir nun im Zug in einem Vierersitz uns viel besser unterhalten konnten als es wohl im Bus der Fall gewesen wäre. Mit mir auf der Reise nach Nahariya befand sich Jannik, ein Auszubildender von Würth und Johanna und Lena, unsere Freiwilligen. Auf den gut anderthalb Stunden Fahrt konnten wir schon mal etwas vorfühlen, was uns wohl erwarten würde. Die Zeit verging wie im Flug und kurz nach 22 Uhr erreichten wir Nahariya.

Unsere Unterkunft lag allerdings nicht in dieser Kleinstadt, sondern in einem nahe gelegenem Kibutz südlich davon. Also ein letztes Mal die Koffer in verfrachten und noch 15 Minuten fahren, bevor wir endlich sagen konnten, dass wir es nun geschafft hatten. Bevor wir allerdings schlafen gingen schauten wir uns nochmal die Busverbindungen für den nächsten Tag an, denn da sollten wir alleine an einen uns fremden Ort gelangen. Wir waren gespannt ob das so klappen würde.

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