Land und Leute

Jannik und ich waren nach Nahariya gekommen, um in unseren Projekten zu arbeiten. So war der Plan, doch wie man vielleicht schon im letzten Beitrag herauslesen konnte ist das nicht wirklich mit der Arbeit zu vergleichen, die wir in unserer Ausbildung erfahren.

Heute, am Dienstag, sollten wir den ganzen Tag mit der Organisation Amcha arbeiten, die Shoa-Überlebende oder deren Kinder betreut. Arbeiten war allerdings das falsche Wort für den Tag. Es stand nämlich ein Ausflug an. Lena und Johanna freuten sich schon seit der Bekanntgabe auf diesen Tag, da es erst ihr dritter Ausflug in diesem Jahr war. So standen wir um 8 Uhr in Nahariya bereit loszufahren. Das Ziel des Ausflugs war Caesarea. Kommt das jemanden bekannt vor? Das war doch die einstige Hauptstadt, die wir in der letzten Woche besucht hatten. Glücklicherweise würden wir allerdings nur in der Nähe sein. 

Nach einstündiger Busfahrt erreichten wir eine Art Parkplatz, an den ein kleines Waldstück grenzte. Im Schatten der Bäume stieg der gesamte Bus aus, um gemeinsam zu frühstücken. Wer denken würde, dass wir dort alleine diese Idee gehabt hätten, der lag falsch. Wirklich jede Generation war auf diesem Parkplatz vertreten und kochte oder aß Frühstück. Ein Bild was ich mir in Deutschland wünschen würde und mich sehr beeindruckt hat. Allerdings waren wir noch nicht ganz am Ziel und so hieß es für alle nochmal eine halbe Stunde Bus fahren.

Unser Ziel waren die Ralli Museen von Caesarea. Dort begann eine Führung in Hebräisch und deswegen kann ich nur das berichten, was Johanna und Lena uns übersetzten und sie verstanden. Doch diese Museen wollen lateinamerikanische Kunst zur Schau stellen. Dabei finden sich Werke, die ich wohl unter „Alte Meister“ kategorisieren würde bis hin zu zeitgenössischer abstrakter Kunst. Besonders beeindruckt war ich allerdings von der Architektur des Gebäudes. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, soll die Architektur dem früheren Davidstempel nachempfunden sein, aber leider kann ich das nicht mehr mit Sicherheit sagen. 

Mein Kunstwissen ist leider auch nicht sehr ausgeprägt, so dass ich nur sehr wenige Künstler kannte, von denen Werke ausgestellt waren. Neben den Bildern von René Magritte kannte ich noch sehr gut Salvador Dalí. Den meisten wird der Name aber nicht wegen geschmolzenen Uhren etwas sagen, sondern eher wegen seines Gesichts. In der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ verwenden die Räuber Masken, die das Gesicht des spanischen Malers zeigen. Ich glaube daran kann man ganz gut erkennen, wie sich Kunst und deren Verständnis im Laufe der Zeit ändert. Wir Freiwilligen versuchten in dem Museum abseits der Gruppe uns etwas zu erschließen und die Bilder zu verstehen.

Nach gut anderthalb Stunden ging es mit dem Bus für uns weiter zum Mittagessen und die gesamte Gruppe überflutete ein Restaurant. Auf uns warteten Tische die mit lauter kleinen Schüsseln gedeckt waren. Nachdem Pita gebracht wurde brach eine Art Wettstreit zwischen uns und den Kellnern aus. Kaum hatten wir eine Schüssel leer kam schon eine weitere, die Köstlichkeiten der israelischen Küche beinhaltete. Spätestens als wir alle etwas zu trinken hatten und wir unser Hauptgericht bestellt hatten, was die Wettkampf verloren. Ich glaube es war das beste Essen, dass ich in Israel hatte. Als es zum Nachtisch noch Tee in kleinen arabischen Gläsern gab, war ich vollkommen glücklich.

Vollkommen gesättigt ging es für das Nachmittagsprogramm in ein Künstler-Kibbuz. Dort erklärte uns eine Töpferin, was man alles aus Ton herstellen kann und wie sich dieses Material verhält bevor und nachdem es gebrannt wurde. Wie schwer es ist aus einem grauen Klumpen etwas schönes herzustellen wurde uns allen bewusst, als jeder etwas Ton erhielt und etwas formen sollte. Eins war zu diesem Zeitpunkt schon mal klar. Aus mir wird nie ein großer Künstler werden. Einige der Shoa-Überlebenden hatten aber richtiges Talent dafür gehabt. Neben Ton gab es in dieser Gemeinschaftssiedlung allerdings auch jedes andere Material. So sahen wir bei einem kleinen Rundgang noch Menschen, die mit Holz, Metall, Stein oder Beton arbeiteten. Auch wenn diese Menschen wahrscheinlich niemals großen Reichtum erlangen, haben sie vielleicht doch den größeren Schatz gefunden, wenn sie einfach nur in diesem Kibbuz ihre Kunst herstellen. Etwas neidisch, aber mit diesem Gedanken im Kopf machten wir uns auf den Rückweg.

Normalerweise sind Busfahrten ja recht unspektakulär, doch diese sollte es nicht werden. Schon auf der Hinfahrt tropfte es aus einem der Lüftungsschlitze leicht auf einen Platz. Bei der Rückfahrt allerdings verwandelten sich die Tropfen in ein schwaches Rinnsal, das langsam aber doch beständig die Leute von ihrem Platz zwang. Irgendwas war wohl nicht ganz dicht in diesem Bus. Jedes Mal wenn der Bus eine Anhöhe hinauffuhr kam ein kleiner Wasserschwall auf die letzte Reihe zu. Auch wenn die Situation nicht wirklich schön war mussten doch alle etwas darüber lachen. 

Zurück in Nahariya stellte sich musste ich eine Entscheidung treffen. Entweder würde ich Feierabend machen und nach Hause gehen oder Lena mit Adi zum Chor begleiten. Obwohl wir schon seit 9 Stunden unterwegs waren wollte ich mir die Gelegenheit nicht nehmen lassen und begleitete die beiden. Auf dem Weg zu Chor erfuhr ich, dass heute ein ganz besonderer Tag war. Heute wurde der Chor nämlich aufgenommen. Der technikaffine Teil von mir war natürlich sofort an daran interessiert und ich freute mich als Lena uns zwei Kopfhörer besorgen konnte, damit wir live hören konnten, wie das Resultat später sein würde. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte dabei zu sein, als Menschen mit Behinderung zusammen mit Menschen ohne Behinderung im Chor Imagine auf Hebräisch gesungen haben. So schnell werde ich diesen Abend wohl nicht vergessen und ich hoffe, dass ich den Song irgendwann nochmal hören kann.

Die nächsten beiden Tage sollten wir frei haben, da Johanna und Lena auf ein Seminar am See Genezareth waren. Doch statt die ganze Zeit nichts zu tun hatten wir uns Pläne für diese beiden Tage gemacht. Für den heutigen Tag hatten wir uns mit einer Freiwilligen von Kivunim verabredet. Sharon, die in den Niederlanden geboren ist, lebt seit über 30 Jahren nun schon in der Umgebung von Nahariya und hilft unter anderem eben auch bei Kivunim mit. Großzügiger Weise holte sie uns mit ihrem Auto ab und war 5 Minuten vor der verabredeten Uhrzeit da. Scheinbar sie auch eine Sympathisantin der deutschen Pünktlichkeit. 

Bevor es richtig los ging holten wir allerdings noch jemand in einem anderen Kibbuz ab. Ich weiß leider nicht mehr, wie die Verbindung zwischen Jordan und Sharon war, aber mit dem amerikanischen Mädchen war das Auto voll und wir komplett. Schon die Tage zuvor waren mir die zahlreichen Bananenplantagen rund um Nahariya aufgefallen und Jannik hatte zuvor noch nie eine solche Plantage näher betrachtet. So war unser erstes Ziel eher überraschend eine Plantage, auf der Bananen wuchsen. Ich glaube, wenn man die Möglichkeit hat, die Staude näher zu betrachten, kann man auch inneren Frieden schließen warum die Banane jetzt eigentlich krumm ist. 

Mit dieser Erkenntnis fuhren wir zu unserem eigentlichen Ziel, Rosh haNikra. Direkt an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon hat sich über Jahrtausende eine Höhlenformation direkt am Meer gebildet. Die enorme Kraft des Wassers, welches mit bis zu 250 Tonnen pro m2 auf die Küste trifft, hat eine Art Touristenattraktion geschaffen. Mit einer Gondel ging es von einer Anhöhe an den Rand der Felsenküste. Ein kleiner Rundweg leitete uns in die naturgeschaffenen Höhlen. Die Atmosphäre hier auf eine Art besonders. Im Halbdunkeln war die feuchte Luft wie starker Nebel im Herbst. Doch statt ruhiger Idylle hörte man das tosende Meer, das sich seinen Weg durch die Höhle bahnte. Hin und wieder fiel ein Lichtstrahl durch einen Eingang in die Dunkelheit und man blickte von der dunklen Grotte hinaus in die strahlend blaue See. Rosh haNikra hat aber noch mehr zu bieten. So wurde der markante Landschaftspunkt im 19. Jahrhundert untertunnelt, um eine Eisenbahnlinie zu etablieren. Das ambitionierte Ziel von Paris bis nach Kairo mit dem Zug zu gelangen war unter anderem ein Antreiber für dieses Projekt. Heute ist der Tunnel in Richtung Libanon allerdings geschlossen, da man nach der Staatsgründung 1948 fürchtete, dass gegnerische Truppen den Tunnel nutzen könnten. Die komplette Geschichte des Ortes wurde in einem kleinen Film in dem besagten Tunnel gezeigt.

Nach gut einer Stunde fuhren wir wieder mit der Gondel nach oben. Viel weiter in Richtung Norden ging es allerdings nicht, denn wie schon erwähnt war hier die Grenze. Bewacht von einigen Soldaten empfand es eine Gruppe als passend Fotos von der Grenze und ihren Bewachern zu machen. Um auch wirklich zu dokumentieren, dass man an diesem Punkt gewesen ist, musste auch ein Bild zusammen mit Soldat und Waffe gemacht werden. Eine wirklich bizarre Situation für mich. Ich denke es wäre auch hier spannend gewesen sich mit den Soldaten zu unterhalten und ihre Position zu den Nachbarländern zu erfahren, aber wir wollten weiter. 

Das nächste Ziel war die Keshet Cave, die eigentlich mehr als Bogen bekannt ist. Auf einem Berg gelegen findet man eine Felsformation, wie man sie vielleicht in Colorado vermuten würde. Es ist erstaunlich, was die Natur alles erschaffen hat. Eine natürliche Brücke, die über eine Schlucht führt sieht man auch nicht überall. Unter einem alten Baum nahmen wir uns etwas Zeit um die Aussicht und die Ruhe zu genießen. An diesem Ort konnte man nicht glauben, dass dieses Land so krisengeschüttelt ist. Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwie kamen wir mit Sharon ins Gespräch über die politische Lage des Landes. Es war interessant die Meinung einer Person zu hören, die nicht in diesem Land geboren war, aber schon lange genug hier lebte, um ein differenziertes Bild von Israel zu haben. Gerade diese persönlichen Gespräche habe ich zu schätzen gelernt. Doch ich schweife ab. 

Da Jordan nachmittags keine Zeit hatte mussten wir schon recht früh wieder gehen. Da der Tag aber noch einige Stunden zu bieten hatte entschieden Jannik und ich uns zum Achziv Strand zu fahren. Dieser wurde uns als Geheimtipp von den Freiwilligen empfohlen. Neben dem historischen Dorf fanden wir einen Strand, der für mich zu den besten Stränden zählt, die ich je gesehen habe. Wie schon in Nahariya waren keine Touristen außer uns zu sehen und auch an sich war der Strand recht leer. Der kleine Junge in mir hatte wieder sofort Lust sich in den Sand zu setzen und zu spielen. Auch das Meer zeigte sich heute von seiner besten Seite. Mit kräftigen Wellen wurde im gleichmäßigen Rauschen die Gischt an den Strand gespült. Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so oft in brechende Wellen gestürzt wie an diesem Tag. Hätte ich ein Surfboard und das nötige Know-how besessen, wäre ich wohl nie von diesem Strand gegangen. Doch auch einfach die Sonne zu genießen war schon ein super Gefühl.

Eigentlich wollten wir auch die historische Siedlung anschauen, doch leider verpassten wir die Öffnungszeiten um wenige Minuten und wurden nicht eingelassen. In Hinsicht Feierabend gibt es also wohl weniger Unterschiede als man denkt. So machten wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle, um mit dem nächsten Bus zurück zu fahren. Allerdings sahen wir, dass wir dafür knapp 40 Minuten warten mussten und die Straße war nicht so spannend, dass die Zeit wie im Flug vergehen würde. Also besannen wir uns auf die Information, dass man in Israel wohl sehr gut trampen kann und wollten auch diese Erfahrung machen. Eine Gruppe, die wenige Minuten nach uns die Bushaltestelle erreichte hatte die gleiche Idee und so ließen wir ihnen den Vortritt, auch um zu schauen wie hoch die Erfolgschancen sein würden. Als nach wenigen Minuten alle in einem Auto davon fuhren waren wir ziemlich begeistert und hatten gleichzeitig auch noch etwas Glück. Ein Jung war nicht mitgefahren sondern hielt immer noch den Daumen in die gewünschte Fahrtrichtung. Er fragte uns auf Hebräisch ob wir auch nach Nahariya fahren wollten. Mit den wenigen Vokabeln, die ich kannte versuchte ich zu erklären, dass wir zwar nicht der Sprache mächtig waren, aber sehr gerne mitfahren würden. Knappe zehn Minuten später saßen wir in einem Auto von einem Israeli und fuhren mit der Hoffnung auch rausgelassen werden in Richtung Süden. Auch wenn wir nichts verstanden worüber sich unsere Mitfahren austauschten waren wir dankbar die Wartezeit deutlich verkürzt zu haben und auch mal getrampt zu sein. 

In Nahariya kauften wir bei dem Supermarkt noch Proviant für morgen ein, denn wir wollten auch den nächsten Tag wieder früh los.

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