Gleichheit

Es ist immer wieder verwunderlich wie schnell, wie schnell die Zeit vorbei geht. Dieser Donnerstag war schon letzte Tag in Nahariya. Bevor wir allerdings abreisten hatten wir uns noch ein straffes Programm gelegt. Wir wollten heute nach Haifa mit dem Bus fahren. Da Google über 2 Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln veranschlagte waren wir wieder früh unterwegs. 

Es gibt ein israelisches Sprichwort das besagt: In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet und in Tel Aviv gefeiert. Ich glaube, dieser Spruch beschreibt ganz gut, wie unterschiedlich das Land in seinen Facetten ist. Doch wir waren auf den Weg in die Arbeiterstadt, um dort ein Heiligtum anzuschauen. Dabei handelt es sich nicht um eine heilige Stätte von Christen, Juden oder Muslime. Nein, wir wollten zu den Gärten der Bahá’í. Diese Weltreligion hat in Haifa einen Ort geschaffen, der für jeden gläubigen Bahá’í als Pilgerort einmal bereist werden sollte. In die Gärten kommt man allerdings nur mit einer Führung zu festgelegten Zeiten. Da wir genug Zeit eingeplant hatten, waren wir eine halbe Stunde vorher überpünktlich am Eingang auf dem Berg Karmel und blickten auf Haifa hinab. 

Unsere Führung behandelte zum Glück nicht nur die Gärten, sondern auch etwas die Religion, von der ich vorher noch nicht sehr viel wusste. Ich versuche so gut wie möglich einen kleinen Abriss über das Bahaitum zu geben. 1844 wurde durch den ersten Prophet Bab das Bahaitum begründet. Allerdings hatte die junge Religion viele Widersacher und so wurde der Bab in Persien öffentlich hingerichtet. Doch Bab prophezeite, dass ein weiter Prophet ihm folgen würde. Nur wenige Jahre dauerte es bis sich der Sohn eines persischen Staatsminister den Titel Bahāʾullāh gab und die Religion weiterverbreitete. Da man nicht eine so bekannte Person liquidieren wollte musste Bahāʾullāh das Land verlassen und wurde verbannt. Nach längerer Odyssee landete er dann schließlich in Akko, wo er später auch starb. Deshalb richten sich die Bahá’í beim Beten auch immer in diese Richtung aus. Doch warum waren wir dann in Haifa? Dort wurden die Überreste des Bab beigesetzt und eine Gartenanlage angelegt. Was am Anfang noch unscheinbar war wurde spätestens 1953 mit der Fertigstellung des goldenen Schreins des Babs in der Mitte der Gärten imposant. Seit 2001 existiert die heutige Gartenanlage, die aus 19 Terrassen besteht. Ich glaube ich muss nicht erwähnen, welche Arbeit es ist eine So große Gartenanlage zu pflegen. Deswegen gibt es auch 100 Gärtner, die tagtäglich das Heiligtum pflegen und über 2200 Lampen reinigen, die die Anlage nachts beleuchten. Neben den imposanten Gärten gefiel mir die Idee der Bahá’í so gut, weil sie absolute Gleichheit zwischen allen Menschen erreichen möchten. So werden Schriften aus dem Christentum, dem Judentum, dem Islam und dem Buddhismus akzeptiert, statt als falsche Lehren dargestellt. Auch wenn es weltweit bisher nur knapp acht Millionen Bahá’í gibt denke ich, dass es sehr interessant ist sich mit dieser Religion zu beschäftigen.

Die eine Stunde Führung war wie im Flug und nach gefühlt 100 Fotos von den Gärten verließen wir den heiligen Ort. Über die German Colony Street gingen wir Richtung Hafen, um uns dort mit anderen Freiwilligen zu treffen. Da aber die Arbeitszeiten bei den unterschiedlichen Projekten anders waren entschieden wir uns erst zum Strand zu fahren und uns dort alle zu treffen. Nachdem ich jetzt den Strand von Tel Aviv, Nahariya und Haifa gesehen habe, muss ich Johanna und Lena recht geben, dass in Nahariya wirklich der beste Strand zu finden ist.

Es dauerte noch gut eine halbe Stunde bis die anderen eintrudelten und wir uns auf den Weg auf die andere Seite der Bucht Richtung Akko begaben. Mit dem Zug erreichten wir die Stadt, die für die Templer eine enorme Bedeutung hatte. So ist die Altstadt auch ein UNESCO Weltkulturerbe. Genau deswegen waren wir auch gekommen. In den engen Gassen der Altstadt konnten wir entspannt über unsere Erfahrungen in den verschiedenen Projekten sprechen und gleichzeitig etwas besichtigen. Der Nachmittag in der Altstadt ging schneller vorbei als wir gedacht hatten und nachdem wir einige Bilder vom Meer und dem historischen Hafen gemacht hatten war es schon wieder Zeit zu gehen. Hier trennten sich unsere Wege. Während Jannik und ich eine knappe Viertelstunde nur Bus fahren mussten, machten sich die anderen wieder auf dem Weg zum Bahnhof, um mit dem Zug nach Haifa zu fahren.

Das sollte aber noch nicht das Ende des Tages gewesen sein. Wie oben schon erwähnt war es für uns der letzte Tag in Nahariya und Johanna und Lena waren nach zwei Tagen auch wieder da. So konnten wir nochmal einen letzten Abend zusammen verbringen. Mit Blick auf das Meer und Bänken im Sand gingen wir zu einer Bar und ließen dort den Abend ausklingen. Ich möchte an dieser Stelle den beiden nochmal danken. Wir hatten es innerhalb von nur drei Tagen geschafft eine so gute Freundschaft zu knüpfen, dass wir eigentlich nicht gehen wollten. Irgendwie hatte zwischen uns vier alles gepasst und auch die letzten Stunden vergingen meiner Meinung nach viel zu schnell. Doch was bleibt? Dieser Abend als Abschluss einer so schönen Zeit musste mit Fotos festgehalten werden. Ein letztes Mal gingen wir am Meer zur Bushaltestelle und ehe wir uns versahen saßen wir schon im Bus und winkten mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen uns gegenseitig zu. Für mich hätte an dieser Stelle die Zeit in Israel gerne enden können. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die kommenden zwei Tage noch so viel bieten würden, doch ich sollte nicht ganz richtig liegen.

Wieder einmal verließen wir das Hostel zu einer Zeit in der es offiziell kein Frühstück gab, doch wir mussten so früh los um pünktlich in Tel Aviv zu sein. Heute stand ein Besuch in der deutschen Botschaft auf dem Programm. Nach langer Zug- und kurzer Busfahrt erreichten wir das Hochhaus, in dem auch Deutschland ein Stockwerk besitzt. In die Botschaft durften wir allerdings nichts mitnehmen und so erbarmte sich ein Freiwilliger von ASF auf unsere ganzen Koffer und Rucksäcke aufzupassen. In der Botschaft selbst hatten wir ein Gespräch mit der Vertreterin der Wirtschaftsbeziehungen. Sie erklärte uns viel, aber leider war mein Kopf schon so voll mit den vielen Eindrücken und Informationen der letzten Tage, dass ich mir nicht alles merken konnte. Das einzige was mir sehr stark im Gedächtnis blieb war der Fakt, dass man schätzt, dass es im Jahr 2040 in Israel 50% an Menschen gibt, die eine andere Schulbildung genossen haben als die israelische. Das ist in diesem Sinne problematisch, weil ultraorthodoxe Juden und arabische Israelis eine schlechte Schulbildung genießen, aber gleichzeitig einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung ausmachen. Man sieht also zu wie ein Land langsam verdummt? Scheinbar ist dies der Fall laut Aussage der Wirtschaftsvertreterin. Das und allgemein die deutsche Sichtweise auf Israel war für viele wahrscheinlich sehr interessant zu hören.

Tel Aviv hatten wir jetzt schon an zwei Tagen etwas gesehen, aber richtig Bescheid wussten wir über die Stadt trotzdem nicht. Das sollte sich aber mit einer Stadtführung ändern. Dafür hatte sich ein ASF-Freiwilliger bereit erklärt. Wenn ich mir überlege, dass ich Fremden etwas über Penang hätte erzählen müssen, muss ich ganz klar meinen Respekt aussprechen. Es erfordert neben dem didaktischen Aspekt auch die Planung einer geeigneten Route und natürlich einer Portion Selbstbewusstsein. Wir starteten am Founding Memorial, an dem scheinbar 66 jüdische Familien mit Muscheln das Land für eine neue Stadt aufteilten. Tel Aviv, das übersetzt Frühlingshügel heißt, ist heute die Wirtschaftsmetropole Israels. Das hätte man sich damals sicherlich auch nicht vorstellen können. Aus den 66 Familien in der kleinen Siedlung wurde bald eine große Stadt und es bildete sich auch wieder eine German Colony. Die Häuser hier sehen heute tatsächlich etwas deplatziert im Stadtbild von Tel Aviv aus, aber irgendwie ist es auch ein Gefühl von Heimat. Wie gerade gesagt ist Tel Aviv noch sehr jung und ist eigentlich aus der Hafenstadt Jaffa entstanden. Heute sind die beiden Städte vereint und werden gemeinschaftlich verwaltet, doch trotzdem sieht man noch einen Unterschied in den Stadtbildern. Jaffa, das übersetzt die Schöne heißt, ist durch den alten arabischen Einfluss ein starker Kontrast zu dem eher moderneren jüdischen Tel Aviv. Mit seiner Hafenanlage und den historischen Gebäuden fand ich Jaffa sogar noch etwas schöner als Tel Aviv. Am Strand gingen wir von Jaffa wieder gen Norden und genossen dabei das letzte Mal das Meer und die kühle Brise, die von dem endlosen Blau kam. Für uns war es wieder Zeit nach Jerusalem ins BBY zu fahren.

Schon den ganzen Tag über tauschten wir uns über unsere verschiedenen Erfahrungen aus, die wir in der Zeit alleine gemacht hatten. Es beschlich mich wieder ein Gefühl, das ich schon aus Malaysia kannte. Während fast alle irgendwelche Geschichten erzählten, bei denen froh ist, wenn man sie selbst nicht erlebt oder Beschwerden äußerten, konnte ich nichts von dem. Wie man vielleicht auch bisher lesen konnte hatte ich die Zeit sehr genossen und war eher traurig nicht mehr Zeit gehabt zu haben. Mit dieser Ansicht war ich aber leider in der deutlichen Minderheit. Manchmal bin ich mir unsicher, ob ich mein Glück nicht überstrapaziere, wenn ich andere höre, aber scheinbar meint das Leben es gut mit mir.

Diesen Abend sollte nicht mehr viel passieren. Wir kochten uns Abendessen und bereiteten schon Salate für das morgige Abschlussgrillen vor, doch das war auch schon alles. Mit dem Wissen, dass der morgige Tag nochmal anstrengend werden würde, war der Großteil schon früh im Bett.

An unserem letzten vollen Tag in Israel ging es für uns nochmal in einen besonderen Bereich. Die Westbank oder das Westjordanland, wie es im Deutschen genannt wird ist einer der Streitpunkte zwischen Palästinensern und Israelis. Das Land wie es im UN-Teilungsplan steht existiert so nicht mehr. Israelis provozieren diesen Konflikt auch immer weiter, in dem Siedlungen in der Westbank gebaut werden. Wie Menschen in diesen Gebieten leben sollten wir heute lernen. Dazu besuchten wir Daher Nassar von Text of Nations. Er lebt auf einer Farm, die schon seinem Großvater gehörte. Durch die passenden Papiere kann die Israelis das Land nicht beschlagnahmen und so versuchen sie durch Zerstörung der Farm, Sperrung der Zufahrtsstraßen oder hohe Kaufangebote an das Land zu kommen. Allen Versuchen zum trotz ist das Land immer noch im Besitz der Familie Nassar, obwohl es weder fließend Wasser oder Strom gibt. Neben fehlender Baugenehmigungen kämpft Daher Nassar auch immer noch in einem Gerichtsverfahren für sein Land; und das schon über Jahrzehnte. Mit dem Tent of Nations kommen immer wieder Freiwillige die Daher Nassar unterstützen und sie sind neben den über 8.000 Besuchern im Jahr wahrscheinlich der Grund wieso die Farm weiter fort besteht. All das erzählte uns Daher Nassar bei einer Führung und obwohl er allen Grund hätte unglücklich zu sein, ist er einer der Menschen, die durch ihr herzliches Lachen Freude verbreiten. Nun waren aber wir dran etwas für die Farm zu tun. Während eine Gruppe von uns Wassergraben aushackte sammelte eine andere Gruppe Stroh zusammen. Spätestens hier wurde uns bewusst welche Arbeit in dem Gelände steckte. Belohnt wurden wir allerdings mit selbstgekochtem Essen, das eins der besten Gerichte war, die ich in der Zeit gegessen hatte.

Erschöpft ging es zum letzten Programmpunkt, den Roots. Das ist der einzige Ort in der Westbank, an dem israelische Siedler und Palästinenser zusammentreffen. Uns wurde jeweils von beiden Seiten berichtet, wie das Leben ist und wie man die „gegnerische“ Seite das erste Mal kennengelernt hatte. Roots versteht sich als Kontaktpunkt und hat es in den letzten fünf Jahren geschafft 1.500 Menschen zusammenzubringen. Was ich aus diesem Gespräch heraushören konnte war, dass zumindest keiner der beiden Redner ein Land haben wollte, dass komplett zu seiner Sicht passt. Beide betonten immer, dass Israel/Palästina ein Land sein sollte, in dem die Menschen friedlich und gleich zusammenleben sollten statt sich zu bekriegen. Wie als eine Art Zeugnis für eine friedliche Koexistenz saß etwas abseits von uns eine Katze und ein Hund, die beide zusammen kuschelten statt sich zu jagen.

Mit diesen Eindrücken ging es für uns zurück in den Konflikt nach Jerusalem. Doch beim Abschlussgrillen wollten wir uns wenigstens für einen kurzen Moment keine Gedanken machen. Wir genossen ein letztes Mal den Abend zusammen, grillten viel zu viel und tauschten uns mit einigen Freiwilligen aus.

Und dann war er da. Der Sonntag, an dem es wieder zurück ging. Viel zu schnell war die Zeit vergangen und bevor wir wieder im Flieger sitzen sollten wollte ich nochmals zur Haas-Promenade, an der wir den Abend verbracht hatten. Mit Blick auf die Altstadt von Jerusalem war es immer noch so schwer die ganze Situation hier in ein paar klare Gedanken zu fassen. Die letzten beiden Wochen hatten uns auf jeden Fall vieles genauer gezeigt, aber gleichzeitig auch verdeutlicht, wie kompliziert die heutige Situation ist.


Ich bin sehr dankbar für die einzigartigen Erfahrung, die ich in zwei Wochen erleben durfte. Ich habe sehr viele beeindruckende Menschen getroffen. Besonders berührt haben mich dabei Gabriel Bach und Rahel. Menschen wie sie wird es nicht mehr lange geben und ich bin froh etwas von ihrer Aura erfahren zu haben. Ich dachte mir, dass ich viel zu erzählen haben werde, aber ich bin dennoch überrascht wie viel es im Endeffekt trotzdem immer war und selbst hier ist nicht alles erzählt. Man sagt ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deswegen findet ihr hier noch ein paar Bilder von den zwei Wochen. Was bleibt mir noch zu sagen? Nur eines: Toda raba! (Vielen Dank!)

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