Selamat datang

Ich habe es also doch geschafft. Pünktlich einen Tag zu spät landete der Flieger in Malaysia. Die zwölf Stunden Flug waren überraschend schnell vorbei gewesen. Allerdings fragte ich mich immer noch, ob es mein Koffer auch in den Flieger geschafft hatte oder ob er sich irgendwo anders aufhält. Dass diese Sorge nicht ganz unbegründet ist sollte denn einen oder anderen aus einem früheren Beitrag bekannt sein.

Doch zuvor musste ich jedoch noch durch die Immigration. Mittlerweile ist mir das Prozedere genauso bekannt, wie der Fakt, dass Malaysia auf ein bestimmtes Spray bei der Einreise mit dem Flugzeug besteht. Glücklicherweise hatte ich hatte ich eine Schlange erwischt, in der es schnell voranging und so war ich eine Stunde nach der Landung mit Koffer an der Bushaltestelle und wartete auf den Shuttle.

Am Bahnhof KL Sentral hatte ich mit Swee, einer Freiwilligen von AFS Malaysia verabredet. Schon auf der Fahrt merkte ich, dass obwohl mir das Land doch vertraut ist, ich etwas Zeit brauchen würde mich einzugewöhnen. Die Temperaturen über 30°C gepaart mit einer hohen Luftfeuchtigkeit waren jedoch kein Problem. Schon eher, dass ich im Bahnhof stand und seit einer halben Stunde wartete. Dadurch, dass ich mir noch keine SIM Karte gekauft hatte, wusste ich auch nicht, was der aktuelle Stand ist. Es gibt das Phänomen der sogenannten „Malaysian Time“. Sagen wir es mal so: Die Zeit des Treffpunkts wird stark interpretiert. Die Spanne, dich bisher erfahren durfte war von pünktlich auf die Minute bis zu 3 Stunden Verspätung. Deswegen machte ich mich auf die Suche nach freiem WLAN und kontaktierte Swee. 5 Minuten später stand sie da und wollte sich bei mir entschuldigen. Dabei war doch ich derjenige, der einen Tag zu spät war.

Nachdem wir das Gepäck im Hostel abgelegt hatten und ich mir den Temperaturen angepasste Kleidung angezogen hatte, ging es erstmal zum Essen. Es ist schon lustig, dass sich zwei Vorurteile gleich zu Anfang bewahrheiten. Über Letzteres hatte ich ja schon geschrieben und trotzdem bin ich wieder erstaunt, dass Essen so günstig ist. So gingen wir banana leaf essen, das gleich um die Ecke des Hostels war. Doch so schnell wollten auch nicht zurück ins Hostel. Deswegen schlenderten wir ein wenig durch die Straßen und erzählten miteinander. Die lauwarmen Nächte fand ich schon damals toll und auch dieses Mal war es einfach schön sich keine Gedanken um warme Kleidung für den Abend zu machen. Dennoch merkte ich, dass ich durch den Flug erschöpft war und so gingen wir zurück. Dort sollte die größte Überraschung des heutigen Tages auf mich warten.

Als ich meinen Wäschebeutel in die Hand nehmen wollte merkte ich, dass darin etwas ausgelaufen sein müsste. Ja mein Shampoo hatte sich scheinbar beim Klamotten wechseln geöffnet und 2/3 seines Inhalts an meinen Wäschebeutel und einen kleinen Teil an den Koffer abgegeben. Offensichtlich wurde ich von einer kleinen Pechsträhne verfolgt. Doch aufregen um kurz vor Mitternacht bringt auch nichts. Während ich am Auswaschen meines schäumenden Beutels war hoffte ich, dass dieser bis morgen zur Weiterreise trocken sein würde und versuchte das positive zu sehen. Wenigstens roch jetzt mein ganzer Beutel sehr intensiv nach Shampoo.

Aufgewühlt von meinem Tag versuchte ich zu schlafen, aber durch den Jetlag war es für meinen Körper 17 Uhr. Dementsprechend schwer war es Schlaf zu finden. Nach gut 2 Stunden gelang es wohl doch irgendwie und als der Wecker klingelte wünschte ich mir noch liegen bleiben zu können. Der einzige Trost war gleichzeitig der Grund warum ich los musste. Die Abfahrt meines Busses war um 10 Uhr, aber da zu dieser Zeit oft Stau auf den Straßen war machten wir uns bereits um 8:30 Uhr auf zur Bushaltestelle. Überraschenderweise war kein Stau und wir hatten noch genügend Zeit in Ruhe etwas zu frühstücken. Ehrlich gesagt fiel mir die Auswahl schwer. Ich wollte so vieles wieder probieren in der Zeit in der ich hier bin. Schlussendlich entschloss ich mich für Roti Canai mit Teh Tarik. Nicht ein typisch westliches Frühstück, dafür aber mindestens genauso lecker.

Nun hatten wir uns aber doch verquatscht und 10 Minuten vor Abfahrt merkten wir,dass wir los müssten. Man muss dazu sagen, dass dieser Busbahnhof eher einem Flughafen Terminal ähnelt weswegen nicht nur ein Bus wartet oder abfährt sondern mehrere in unterschiedlichste Richtungen. Mein Bus, von dem ich hoffte, dass es der richtige ist, stand bereits da und ich konnte einsteigen. Da dieser Reisebus keine Anzeige hatte war ich beruhigt als ich auf der Fahrkarte das gleiche Ziel erhaschte, das auf meiner Fahrkarte stand. Die Reise konnte beginnen.

Auf den Stau von KL folgte die Autobahn E1. Für mich hieß das die Strecke, die ich immer mit dem Fernbus gefahren bin und somit nichts verpassen würde. Ich wollte die knapp drei Stunden nutzen, um noch etwas Schlaf zu finden. Normalerweise gelingt mir so etwas nicht, aber mit genügend Müdigkeit schlief ich zwei Stunden. Die restliche Zeit wollte ich wach bleiben, um zum einen nicht zu stark gegen den Jetlag zu arbeiten und zum anderen zu schauen, ob der Bus auch richtig fahren würde.

Mein Ziel (für den Bus) war Kampar, die nächst größere Stadt in der Nähe meiner Gastfamilie. Von dort würde mich Sharwesh, mein Gastbruder, abholen. Wie zuvor angegeben, hatte der Bus drei Stunden gebraucht, aber von Sharwesh keine Spur. Also schrieb ich nochmal, um auch sicher zu sein, dass ich nicht im Hochzeitsstress vergessen worden war. Malaysian time, das Stichwort. Das Warten war jedoch weniger tragisch. So konnte ich wieder etwas Wärme tanken, die im Bus durch die Klimaanlage vertrieben worden war.

Ich hatte mich oft gefragt, wie das Wiedersehen sein würde. Nach über zwei Jahren war die eine Woche, die ich in der Familie Gast sein durfte, im Vergleich wie ein Wimpernschlag. Doch als Sharwesh mich abholte war davon nichts zu merken. Es wirkte eher so als wären die zwei Jahre wie zwei Wochen vergangen. “Hi Nils, how are you?” Das war die Begrüßung. Bitte nicht falsch verstehen – ich war froh über eine so einfache und natürliche Begrüßung. Keinesfalls wollte ich hofiert werden oder irgendeine Art von Sonderbehandlung. Nach kurzer Fahrt erreichten wir wieder die Siedlung direkt an der Ölpalmenplantage. Nach wie vor gefällt mir dieser Ausblick auf den Palmenwald. Besonders wenn morgens das erste fahle Licht durch das Blätterdach fällt herrscht eine besondere Stimmung, die sich nur schwer auf Bildern einfangen lässt.

Das erste was mir auffiel als wir ankamen war, dass die Farbe des Hauses nun lila statt wie zuvor braun war. Zum anderen stand schon ein Pavillon vor dem Hof. Die Vorbereitung für die Hochzeit hatten schon begonnen. Hätte ich also erwartet, dass mich ein Empfangskomitee willkommen heißt, wäre ich enttäuscht worden. Doch so sah ich die ersten vertrauten Gesichter bevor diese mich erspähen konnten. Doch sobald es soweit war hellte sich die angestrengte Miene und wurde zu einem Lachen. Es fühlte sich für mich so an, als wäre ich ein alter Bekannter, den man ein paar mal im Jahr sieht. Ich weiß selbst nicht ob ich mehr Distanz erwartet hätte oder einfach mehr Fremde. Nichts davon war der Fall und das stimmte mich fröhlich. Ehrlicherweise muss ich aber gestehen, dass ich bis auf 3 Namen alle vergessen hatte und mich deshalb fragte ob das ein Problem sein würde. Doch glücklicherweise fragte niemand, ob ich ihn noch kannte. Ich war aber selbst überrascht, dass ich so viele Verwandte noch von ihrem Aussehen erkannte.

Nachdem ich mein Gepäck verstaut hatte wurde mir zu aller erst etwas zu essen angeboten. Ich lehnte dankend ab und musste schmunzeln. Auch hier war Essen zentraler Bestandteil. Viel lieber wollte ich aber bei den Vorbereitungen helfen. Mir wurde erklärt, dass für die Hochzeit alles etwas grüner sein sollte. Deswegen wurden Palmenblätter zu einer Art Teppich geflochten. Allerdings waren zu wenig Palmblätter vorhanden, sodass wir uns auf den Weg machten neue zu beschaffen. Das ist zwar irgendwie ironisch wenn man überlegt dass wir hunderte Palmen vor der Haustür hatten. Wie soll man aber an die Blätter kommen, wenn die Palmen über 20 Meter hoch sind? Unser Ziel waren junge Palmen, die dennoch schon große Blätter trugen. Nach kurzer Fahrt erreichten wir passende Palmen und nachdem Sharwesh sie mit der Machete abgeschnitten hatten verluden wir sie auf den Pickup. Ich hatte leider kein Handy dabei, um die Situation festzuhalten, aber es sag aus als wären wir geradewegs aus dem tiefsten Dschungel mit dem Pickup gekommen. Da durch den Fahrtwind die Blätter immer weggeweht worden wäre setze sich ein Cousin kurzerhand hinten auf die Ladefläche und hielt sie fest. Während ein paar von der Familie anfingen die Blätter wie im Schachbrettmuster zu flechten ging ein anderer Teil wieder ein paar Meter entfernt in die Flora. Interessiert folgte ich und staunte nicht schlecht, als auf einmal zwei Bananenstauden aus dem Grünen getragen wurden. In Eimern getaucht wurden sie vor dem Pavillon postiert wie man oben im Bild sehen kann. Wir wendeten uns wieder den Palmen zu und stellten Tische auf.

Um 18 Uhr war es dann soweit. Die erste Zeremonie der kommenden Hochzeit stand an. Noch während wir die Stühle aufstellten kamen bereits die ersten Gäste. Ich würde schätzen rund 60-70 Menschen waren gekommen um eine Art Reinigungsritual anzuschauen und daran teilweise teilzunehmen. Nandhini wurde aus dem Haus geführt setze sich vor mehrere Schüsseln mit Utensilien, die für die Zeremonie gebraucht wurden. Nach und nach kamen nun Frauen und beschmierten Nandhini mit verschiedenfarbigen Pasten. Außerdem vollführten sie kreisende Bewegungen mit einer Art Mörser und danach auch mit einer Öllampe. Zum Schluss wurde die Braut mit Trauben oder Süßigkeiten gefüttert bevor die noch ein Geschenk an den Gast übergeben wurde. Dieser Vorgang wiederholte sich nun noch einige Male. Wer denkt dabei würde andächtige Ruhe herrschen hat weit gefehlt. Neben indischer Musik wurde geredet, fotografiert und gelacht. Ich würde sagen es war eine belebte Situation. Ich stand staunend da und bewunderte das Spektakel. Deswegen kann ich auch nicht so viel zum Hintergrund berichten wie gerne würde, aber ich war einfach zu gefesselt von der Situation. Grundsätzlich geht es aber darum, dass man der Braut durch diesen Brauch Reinheit und Kraft schenken will. Nach gut 1 1/2 Stunden bereiteten wir das Abendessen vor damit man nich hungrig nach Hause gehen musste. Während einige Frauen noch Segenswünsche erteilten ging ein Teil nach dem Essen schon wieder von der Feier. So plötzlich wie sie angefangen hatte war sie auch wieder vorbei. Nandhini nun musste nun erst mal duschen und wir aßen zu Abend.

Der Abend klang damit aus, dass wir noch etwas aufräumten und Karten spielten. Ich versuchte wieder etwas früher als der Rest (aber dennoch um 0 Uhr) Schlaf zu finden, aber auch dieses Mal sollte mir das nicht so schnell gelingen.

Am nächsten Morgen sollte wieder die gleiche Zeremonie um 9 Uhr beginnen wie den Abend zuvor. Das bedeutete, dass wir zeitig aufstehen mussten. Das war jedoch nicht weiter schlimm, denn wach war ich sowieso. Ausgeschlafen jedoch nicht wirklich. Aber viel zu tun war nicht außer sich zu duschen. Ähnlich wie bei Deepavali waren wieder viele Menschen da, sodass entsprechend viel Wartezeit eingeplant werden musste. So saß ich fast zwei Stunden da und wartete darauf, dass das Badezimmer oder die Toilette frei werden würde. Die Toilette? Ja auch hier war zum Glück ein Duschkopf eingebaut, sodass über 20 Personen nicht nur auf ein Badezimmer angewiesen waren. Zwar waren wir nicht alle um 9 Uhr bereit, aber die Gäste waren ebenfalls verspätet. Zu der Zeremonie gibt es nicht viel Neues zu berichten. Ich schnappe mir einen Stuhl und einen Kaffee und war froh den morgen entspannt zu beginnen. Eine Änderung gab es allerdings zu Ende. Nandhini wurde dieses Mal geduscht. In großen Eimern stand Wasser bereit, auf dem noch ein paar Blumen schwammen. Nach und nach wurde der komplette Inhalt auf die Braut gegossen wollte ich schreiben aber es trifft wohl eher geschüttet. Nach bestimmt 100 Litern war nicht nur Nandhini klatschnass. Bei diesen Temperaturen (auch schon morgens) macht das aber niemanden etwas aus.

Wir mussten jetzt sowieso putzen. Dieses Mal zwar nur den Boden, aber wieder landete mehr als ein Schwall Wasser auf dem Boden und musste weggeschrubbt und abgezogen werden. Erinnerungen an Deepavali kamen auf. Nach dem Putzen war es fast schon Zeit für das Mittagessen. Ehrlich gesagt hielt sich mein Hunger in Grenzen. Jedes Mal wenn es ansatzweise zu Essen gab wurde ich gefragt ob ich es nicht schon gegessen hätte. Sicherlich kann man ab und zu etwas essen, aber irgendwann muss man dankend ablehnen, bevor viele Überredungskünste angewandt werden, um doch etwas davon mir zu geben. Der Tag neigte sich dem Nachmittag und viel zu tun war nicht. Deswegen schlief der Großteil eine Runde. Ich hätte mir das auch überlegt, aber ich wollte gegen meinen noch vorhandenen Jetlag ankämpfen und beschloss zu schreiben.

Der nächste wichtige Zeitpunkt war die Verabschiedung von Nandhini um 16 Uhr. Sie würde nun bis morgen nicht mehr zu Hause sein, sondern im Haus der Schwiegereltern wenn ich es richtig verstanden habe. Einige Freudentränen wurden vergossen bevor sie in das Auto stieg und wegfuhr. Für uns blieb nicht wirklich viel zu tun und deswegen schauten wir in der Halle vorbei, in der am Samstag eine Art Nachfeier stattfinden sollte. Doch auf Dauer arbeitenden Menschen zuzuschauen ist auch langweilig und so machten sich die Cousins von meiner Gastfamilie mit mir auf und erkundeten per Moped die Umgebung. Mit der untergehenden Sonne führen wir an Bananenstauden, Palmen und kleinen Dörfern vorbei ehe wir an einem Straßenstand zu Abend aßen.

Ein besonderes persönliches Highlight sollte heute noch auf mich warten. Nach der alltäglichen abendlichen Dusche wurde die Farbe für Henna hervorgeholt. Damals hatte ich dieses Kunstwerk auf der Hand und dem Unterarm schon bei meinen Mitfreiwilligen bestaunen dürfen. Auch dieses Mal wurden wieder tolle Muster gemalt und als ich gefragt wurde ob ich auch Interesse hätte freute ich mich sehr. Zwar gibt es für Männer nur die Farbe an drei Fingern der Hand und ohne Muster, aber das war mir egal. Doch nicht nur ich freute mich. Wie es bei vielen Dingen war, bei denen man sich nicht ganz sicher war ob ich sie mache, freuten sich die Menschen um mich herum fast noch mehr. Jeder wollte die rotbraune Farbe auf der weißen Haut begutachten. Ich persönlich finde Henna auf dunkler Haut schöner, aber Geschmacksache.

Ach ja Selamat datang heißt übrigens „Herzlich willkommen“. Das hat zwar niemand zu mir gesagt, aber ich fühle mich so.

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