Wertschätzung

Eigentlich dachte ich, dass nach der Feier der Abend entspannt ausklingen würde. Dem sollte aber nicht so sein, auch wenn ich nach der Ankunft nichts davon bemerkte. An dieser Stelle möchte ich noch erwähnt haben, dass meine Gastfamilie in ihren Klamotten des Tages (also nicht Hemd oder Sari) auch normalerweise schlafen gehen würde. Ich hatte meinen Schlafanzug auch gerade angezogen, als es hieß die Jungs würden heute nicht hier schlafen, weil das Haus nun wirklich voll war. Kurz noch in die Flip Flops und auf zum sogenannten „Homestay“. Ich hatte gerade noch Zeit mein Smartphone zu holen, als es auch schon losging. Im Gegensatz zu mir hatten meine Gastgeber mehr im Gepäck dabei. Zwei Paletten Dosenbier waren für den Abend gekauft worden. Ein feucht fröhlicher Abend startete also um kurz nach 1 Uhr nachts.

Da die vorherrschende Sprache im Gespräch Telugu war und ich nicht wirklich etwas zum Gespräch beitragen ging ich relativ „früh“ ins Bett. Als ich dann am nächsten Morgen halb ausgeschlafen Richtung Wohnzimmer der Ferienwohnung ging entdeckte ich, dass anscheinend die Dosenbier nicht ausgereicht hatten, denn neben zerquetschten Metalldosen fanden sich auch einige Glasbierflaschen. Die Auswirkungen des Gelages sah man zum einen bei den Schlafenden genauso wie bei denen, die um 9 Uhr noch kein Auge zugetan hatten. Glücklicherweise erreichten wir trotz Müdigkeit sicher am Zuhause meiner Gastfamilie. Was erwartete uns dort? Na Essen, was sonst? Das Frühstück wurde also zu einem Brunch umfunktioniert. Fast fertig mit Nasi Sambal tauchte ein Lastwagen auf. Die Hochzeit war vorbei und der Abbau begann unvermittelt. Ich muss schon sagen, dass ich niemanden beneide, der in der Mittagssonne bei über 30°C einen Pavillon abbauen musste. Aber nach einer guten Stunde war fast nicht mehr zu sehen, dass hier vor wenigen Tagen noch Rituale für die Hochzeit mit vielen Menschen gefeiert wurden.

Wie gesagt, waren die Feierlichkeiten nun vorbei und so wurden auch die ersten Koffer gepackt. Ich will nicht sagen, dass es jetzt bedeutend leerer wurde im Haus, aber wir würden auf jeden Fall wieder heute hier schlafen. Während im Haus Sachen zusammengerichtet wurden, hörte man von draußen ein monotonen Röhren. Keine Sorge, es sind keine Rentiere oder Hirsche in diesen Breiten gesichtet worden, sondern es war die Reismühle der Familie. Aus den kleinen weißen Körnchen wurde mit der Mühle Reismehl hergestellt. Dieses sollte zusammen mit viel Zucker, Sesam und Öl zur Herstellung von Ariselu genutzt werden. Die fladenähnlichen Süßigkeiten waren – wie der Name schon sagt – sehr süß. Ich glaube bereits nach einem Stück hat man den täglichen Bedarf an Zucker und Öl fast gedeckt. Ansonsten wurde es sehr still im Haus. Die Feierlichkeiten hatten ihre Spuren hinterlassen und das eh schon ausgeprägte Ruhebedürfnis wurde weiter verstärkt. So schaute ich mir zusammen mit einigen anderen Filme in Tamil an, während der Rest entweder schlief oder Ariselu backte. Wie man vielleicht schon herauslesen kann passierte nicht sonderlich viel an diesem Tag. Zum Abendessen gingen wir allerdings aus und jeder konnte sein Lieblingsgericht wählen. Glücklicherweise stand nach diesem kurzweiligen Vergnügen ein weiterer Punkt auf dem Abendprogramm. Es ging darum die Hochzeitsgeschenke auszupacken. Allerdings würde ich eher sagen, dass es mehr Briefumschläge waren, die geöffnet wurden. Mir wurde erklärt, dass man sich meistens nur Geld zur Hochzeit schenkt, da diese sehr teuer sei. Da stand ich mit meinem Geschenk etwas blöd da. Nachdem Nandhini es aber ausgepackt hatte freute sie sich dennoch sehr. Ich hatte mir überlegt ein englischsprachiges Kochbuch mit deutschen Rezepten zu schenken. Sehr interessiert schaute nicht nur Nandhini, was es typisch deutsches zu kochen gab. Mein eigentliches Highlight sollte aber erst noch kommen. Irgendjemand hatte den beiden einen „Europakorb“ geschenkt. Darin waren italienische Pasta, schweizer Neapolitaner, deutsche Haribo Gummibärchen und französisches Mineralwasser. Letzteres sorgte für sehr viel Verwunderung. In einem Land, in dem maximal Softdrinks Kohlensäure enthalten und fast alle Getränke voll Zucker sind wirkte der Sprudel sonderbar. Ich musste mir wirklich das Lachen verkneifen, obwohl die Reaktionen schon sehr lustig waren. Ich glaube es war die Kombination aus reinem Wasser (ohne Geschmack) und Kohlensäure, die für die neue Erfahrung sorgte. Als ich erklärte, dass wir in Deutschland dieses Wasser regulär kaufen können und es nicht wirklich etwas besonderes für mich ist wurde ich auch etwas schräg angeschaut.

Eigentlich hatte ich gedacht, dass mehr Menschen am Sonntag nach Hause fahren würden, da ja wieder eine Arbeitswoche anstand, doch dem war nicht so. Stattdessen wurden heute Koffer gepackt. Allen voran Nandhini, die am Nachmittag mit Krishna zu ihren Schwiegereltern fahren würde. Da der Rest der Familie, aber auch mit relativ leichtem Gepäck gereist war, gab es spätestens ab 11 Uhr nichts mehr zu tun. Ich möchte nicht verschweigen, dass an diesem Punkt etwas Langeweile bei mir einsetzte. Erkennbar wurde dies auch an der Zeit, die ich an meinem Handy verbrachte. Während ich an normalen Tagen in Deutschland auf ca. 1 1/2 Stunden komme sollte die Bildschirmzeit an diesem Montag auf mehr als 5 Stunden kommen. Ich kann aber auch nicht mehr von diesem Tag berichten, als dass Nandhini und Krishna um ca. 16 Uhr abgeholt wurden. Eine letzte Verabschiedung von meiner Gastschwester, die mir diese eimalige Change ermöglicht hatte und viele Freudentränen der Familie später ging es für das Brautpaar dann los. Nach und nach verabschiedeten sich jetzt auch die weiteren Familienmitglieder und bis auf 4 Gäste war das Haus nun leer. Für mich hieß das, dass ich heute mit Sharwesh und Jaishiv in einem Bett schlafen würde, statt auf einer Matratze im Wohnzimmer. Ehrlich gesagt waren die Nächte zuvor bequemer gewesen, aber ich darf mich nicht beschweren.

Mein letzter Tag bei meiner Gastfamilie. Ich weiß nicht, ob die Woche schnell vorbeigegangen war oder nicht, aber ich war gespannt, was wir heute machen wollten. Zusammen mit Sharwesh fuhr ich zuerst noch die letzten Gäste nach Hause, ehe wir Richtung Ipoh aufbrechen wollten. Was wir dort genau machen würden wurde mir nicht gesagt. Doch gerade als ich mich gefreut hatte heute noch etwas mit meinem Gastbruder zu unternehmen kam von ihm die Ansage: „Plan cancelled.“ Also doch nichts mit einer gemeinsamen Unternehmung, sondern wieder zurück nach Hause. Nun gut blöd gelaufen, aber was soll man machen? Ich entschied mich den freien Tag zu nutzen (meine Gasteltern waren auch wieder arbeiten gegangen), um mich wenigstens kurz zu sonnen. Das war ganz und gar nicht im Stil meiner Gastfamilie oder allgemein den Leuten, die ich aus Malaysia kenne. Während man im westlichen Kulturkreis oftmals versucht sich zu bräunen ist hier gerade das Gegenteil der Fall. Die Zeit in der Sonne wird auf ein Minimum reduziert und mit whitening-Produkten versucht die Haut aufzuhellen. Andere Länder andere Sitten. Allzu lange darf man aber auch nicht in der Sonne bleiben, da die Strahlung hier um ein vielfaches höher ist. Während ich mich also sonnte, hörte ich einen Podcast, weil es mittlerweile sehr ruhig im Haus geworden war. Ich kenne diese Situation eigentlich nicht wirklich von meiner Gastfamilie, da auch damals an Deepavali sich relativ schnell das Haus füllte und nie Ruhe war. Jetzt aber wirkte alles fast schon ausgestorben. Das hieß für mich gleichzeitig auch wieder weniger Ablenkung und mehr Zeit für mich. Da sich mein Aufenthalt hier dem Ende näherte fing ich an meine Zeit hier zu reflektieren und kam zu einer Frage, die mich sehr beschäftigte.

Seit meinem IJFD frage ich mich bei so gut wie jeder Reise in ein fernes Land, ob mir bewusst ist welches Glück ich doch habe. Mehr als einmal stelle ich mir die Frage, ob ich es genug wertschätze gerade auf der anderen Seite der Welt bei einer Familie unterzukommen, die mich seit einer Woche kannte. Deren Gastschwester mich zu ihrem wichtigsten Tag eingeladen hatte und ich die Möglichkeit hatte eine hinduistische Hochzeit ganz ungefiltert anzusehen. Ich bin mir sicher nicht viele Menschen können ein solches Erlebnis von ihren Reisen erzählen und ich möchte hier auch nicht damit angeben. Nein, ich bin mir eben nur nicht sicher, dass ich dieser einmaligen Gelegenheit in meinem Leben mit genug Wertschätzung begegnet bin. Gerade wenn ich mich mit Menschen aus meiner Gastfamilie unterhalten habe und ihnen erzählt habe, wo ich schon überall gewesen bin merke ich, dass ich schon sehr vieles erlebt habe. Bin ich dankbar genug dafür? Ich kann diese Frage bis heute nicht abschließend beantworten und ich weiß sie wird mich auch bis nach meiner Ankunft in Deutschland beschäftigen.

Mit diesen Gedanken verbrachte ich meinen letzen Abend im Angesicht der Palmen. Doch diesen Abend würden wir früher schlafen gehen, da wir morgen schon recht früh aufbrechen würden. Statt wie üblich um 9 Uhr stand ich um 7 Uhr auf und duschte, ehe die verbleibenden Dinge in den Koffer gepackt wurden. Viel war das nicht, denn ich lebte eigentlich aus meinem Koffer. Es verging dennoch fast eine geschlagene Stunde bis alle fertig waren und wir aufbrachen. Unser Ziel war aber noch nicht der Busbahnhof. Zuerst musste noch gefrühstückt werden. Lustigerweise war es das gleiche Restaurant, wie war 2017 mit Nandhini einmal besucht hatten. Nach einer Schüssel Suppe und einem Teh Tarik war die Zeit für den Abschied gekommen. Bereits am Abend zuvor hatte ich mich von meinem Gastvater verabschiedet, da er früh arbeiten musste. Nun war es aber auch Zeit meiner Gastmutter und allen weiteren Lebewohl zu sagen. Mit Sharwesh machte ich mich nun also auf den Weg nach Ipoh, um meinen Bus nach Penang zu bekommen. Obwohl ich bereits extra eine frühere Abfahrtszeit genannt hatte, waren wir spät dran und ich machte mir sogar Sorgen, ob wir den Bus zur regulären Abfahrtszeit bekommen würden. Doch glücklicherweise war das letzte Stück Autobahn und wir erreichten das Bus-Terminal pünktlich. Eine letzte Verabschiedung von meinem Gastbruder durfte aber nicht fehlen. Nicht nur er, sondern gefühlt jeder aus der Gastfamilie hatte mir schon gesagt, dass ich immer willkommen bin. Auch jetzt wurde dieses Angebot erneuert und ich versicherte, dass auch bei einem Besuch in Deutschland alle herzlich willkommen waren. Jetzt musste ich aber wirklich los. Mit Koffer und Rucksack bepackt löste ich am Schalter noch meinen Boardingpass für den Bus und schon ging die Reise Richtung Norden los.

Eigentlich sollte die Busfahrt gerade einmal 2 Stunden dauern und ich wäre kurz nach 13 Uhr im Home angekommen, doch ein Stau machte diese Pläne zu nichte. So kam ich erst kurz vor 14 Uhr in der Lebuhraya Babington an. Bevor ich allerdings das Grundstück betrat wollte ich mich kurz einen Moment sammeln. Ähnlich wie bei meiner Ankunft in Deutschland hatte ich mir ein paar mal ausgedacht wie das Wiedersehen sein würde. Eine konkrete Vorstellung hatte ich bis heute nicht. So ließ ging ich langsam auf das Penang Cheshire Home zu, das für fast ein ganzes Jahr mein Zuhause gewesen war. Auf den ersten Blick hatte sich kaum etwas verändert. Meine Malerei an der Wand entdeckte ich schon von Weitem und es erfreute mich, dass sie immer noch so gut zu sehen war und nicht ausgeblichen war. Eigentlich wusste ich auch nicht wohin ich zuerst gehen sollte. Ich entschied mich jedoch einen Blick ins Office zu werfen, aber dort war alles dunkel. Auch in der Essenshalle waren nur wenige Bewohner, da es kurz vor Ende der Mittagspause war und die meisten wahrscheinlich noch in den Schlafräumen waren. Trotzdem entdeckte ich vertraute Gesichter. Allen voran das von Evan, dem ich auch geschrieben hatte, dass ich komme. Neben ihm saß Mary, die mich natürlich auch gleich auf den ersten Blick erkannt hatte. Nach und nach kamen weitere Bewohner und erkannten, wer gerade aufgetaucht war. Zuerst war da die Verwunderung. Ich glaube viele der Bewohner mussten zuerst überlegen, warum auf einmal ein weißer Junge da saß. Ich konnte richtig erkennen wie dann aber der Wiedererkennungsprozess einsetze und auch wenn einige den Namen von mir schon vergessen hatten, erinnerten sie sich doch noch an mich. Ich würde nicht sagen, die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, aber Bewohner, die auf dem Weg in die Halle waren wurden schon gerufen, dass sie schauen sollten wer da ist. Bei Bewohnern mit denen ich sehr viel zu tun gehabt hatte dauerte es keine Sekunde bis sie mich wiedererkannten und erstmal lachen mussten. Das war recht ansteckend und ich kam vor lauter Hallo sagen schon fast gar nicht mehr dazu in irgendeiner Form etwas anderes zu tun. Kurz nach 14 Uhr kam auch Merlin, der aktuelle Freiwillige im Home und begrüßte mich. Für ihn sowie auch für mich war es relativ komisch mal wieder deutsch zu sprechen. Es ist wirklich schwer zu beschreiben wie ich aufgenommen wurde, aber wenn ich es prägnant in wenigen Worten sagen müsste wäre es wohl so etwas wie: Ich wurde sehr herzlich von allen empfangen auch wenn einige nicht wussten, wie sie mit dieser Situation im Moment umgehen sollten.

Eine große Frage war aber noch offen. Da ich ja als Überraschungsbesuch gekommen war, wusste eigentlich niemand, dass ich wieder im PCH übernachten wollte. Dazu musste aber auch erst jemand von der Heimleitung kommen und dann hoffentlich das Okay geben. Glücklicherweise kam nach kurzer Zeit Salinder zurück und war auch sichtlich überrascht und erfreut. Meine Anfrage musste sie allerdings auch weiterleiten und nach einem kurzem Telefonat sagte sie mit einem Lächeln, dass ich hier übernachten dürfte. Ich war darüber sehr erleichtert, denn ehrlicherweise hätte ich sonst mir noch eine Unterkunft suchen müssen. Mit meinem Gepäck ging ich zu meinem alten Zimmer, das mittlerweile nicht mehr bewohnt war. Merlin hatte das andere Zimmer nebenan genommen und so hatte ich wieder fast das gleiche Gefühl wie damals im August 2017. Der Tag schritt schneller voran als ich dachte und nach ein paar Gesprächen mit dem Staff, Salinder und Evan war es auch schon 17 Uhr und der Arbeitstag war zu Ende. Doch für Abendprogramm war gesorgt. Merlin wollte mit den anderen Freiwilligen zum Pesta. Eine Art Rummel mit Lichtspielen, der jedes Jahr ist. Irgendwie hatte ich es aber in meiner Zeit nicht geschafft dort hinzugehen und so freute ich mich sehr darauf. Merlin wollte zuvor noch ins Fitnessstudio und ich richtete mich in meinem alten neuen Zimmer ein. Um Geld zu sparen, wollten wir alle gemeinsam zu dem Volksfest fahren und trafen und deshalb an einem Projekt einer anderen Freiwilligen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde fuhr ich mit Hanna, Tui Gong, Lena und Merlin zu Pesta. Es war schön wieder diese Atmosphäre unter den Freiwilligen zu spüren und in gewisser Weise auch ein kleiner Teil davon zu sein. Neben Essenständen gab es auch Fahrattraktionen und gemeinsam fuhren wir alle eine Runde Kettenkarussell bevor wir im Autoscooter versuchten und bestmöglich zu rammen. Leider mussten einige um 22 Uhr wieder im Projekt sein, weswegen Merlin und ich dann noch zurück im PCH zusammensetzen und etwas redeten. Erst kurz nach 1 Uhr merkten wir, dass es vielleicht angebracht war nun schlafen zu gehen, da morgen wieder die Arbeit rufen würde.

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